![]() |
| Bildkomposition: C.Pontenagel |
Die ganz Alten unter uns kennen
noch die zahnschmerzenverursachende Fernsehquizsendung „Erkennen Sie die Melodie“
aus den 60er und 70er Jahren. Es galt dort Opern- und Operettenmelodien zu
erraten, präsentiert von einem zum Sujet passenden Moderator Ernst Stankovski.
Die gute Nachricht war: Niemand war gezwungen, das Geknödel einzuschalten.
Das Zeitalter des Niedergangs hält
solche Freiheiten nicht bereit. Handys klingeln auf Hochzeiten und Beerdigungen
in allen Spielformen des geltenden Musikgeschmacks. So viel Kultur muss eben
sein. Feinkostabteilungen fehlt eben der nötige Geschmack, wenn sie uns mit
Musik, Werbespots und anderen akustischen Verunreinigungen berieseln, um uns
kaufwillig zu stimmen. Geschätzte 100 Millionen Euro lassen sich
Kaufhauskonzerne den von uns unbestellten Musikteppich kosten, obwohl Studien
ergaben, dass das Kaufverhalten der zwangsbeglückten Kunden dadurch eher
negativ beeinflusst wird. Und selbst das Stammrestaurant meiner Wahl, dessen
Geschmackssicherheit bei Speisen und Getränken über alle Zweifel erhaben ist,
treibt mich wiederholt mit lauter Soulmusik schon bei zwölf Grad in den
unverschallten Außenbereich.
Der individuelle Schall wird allerorten
zum die Allgemeinheit nervenden Schwall. Doch nun droht das GAG (das Größte
Anzunehmende Gräuel): Ein deutscher Hersteller hat einen Soundgenerator
entwickelt, der künftig in Elektroautos eingebaut werden soll, damit die
ansonsten superleisen Gefährte von anderen Verkehrsteilnehmern akustisch
überhaupt noch wahrgenommen werden können. Was früher quietschende Bremsen und
brummende Motoren erledigten, sollen nun Justin Bieber und Dieter Bohlen,
beziehungsweise deren unsterbliche Melodien, übernehmen.
Bei den Tonfolgen soll es keine
Grenzen geben, so der automotive Lärmentwickler. Er selbst schlägt vor, jedem
Hersteller eine bestimmte Soundfolge zu erlauben, mit der er seine „Markenidentität“
betonen kann. Angesichts der 50 Millionen Kraftfahrzeuge derzeit in
Deutschland, kommt da einiges auf uns zu, wenn sich die Hersteller nicht mehr
durch Qualität, Preis und Optik, sondern durch teuer komponierte und möglichst
eindringliche Jingles beweisen wollen! Spaß beiseite: Ein Crescendo
unbeschreiblichen Ausmaßes droht.
Anscheinend halbvisionär habe ich
schon in meinem Buch über den Niedergang sarkastisch dauerhupende Fahrzeuge
(und Fußgänger) prophezeit, weil das von EU-Bürokraten erzwungene Tagfahrlicht
die visuelle Wahrnehmung überfordert und akustische Alarmreize erfordern
könnte. Aber nun das! Ohne Chance, wie beim seligen Stankovski auf einen
anderen Kanal umschalten zu können. Vielleicht kann man das Getöse wenigstens
kostenpflichtig machen? Als Laut-Maut
sozusagen. Oder wir nehmen rechtzeitig etwas vom heutigen Straßenlärm auf und
spielen ihn dann auf unseren MP3-Playern möglichst laut ab, um dem
Zwangsgedudel zu entkommen.

Hoffen wir, dass die E-Autos aus verständlichen Gründen (siehe K.K. vorige Woche) nicht auf den Markt kommen und damit das Crescendo unbeschreiblichen Ausmaßes ausbleibt.
AntwortenLöschenAnsonsten dürfen wir jetzt schon den Herstellern von Ohrstöpseln, Nervenpräparaten und Schlafmitteln zu einem – vermutlich subventionierten – Millionengeschäft gratulieren.
Und uns auf weitere Artikel zum Thema von K.K. freuen.
Übrigens, auch wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, ist das Kybernetik.
Die Frage ist eigentlich nur, wer die Ergebnisse aus welcher Perspektive beurteilt,
glaubt Annette S. aus K.
Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, ist das nicht Kybernetik, sondern das Leben. ;-) Kybernetik ist, die Dinge intellektuell in ihrer Komplexität einzuordnen zu versuchen. Da muss man eben manchmal weiterdenken, als ein Elektroauto rollt. Nicht jede (Schreckens-)Vision muss dann auch wahr werden, aber die Aufgabe dieses Blogs ist es eben, Blicke über den intellektuellen Tellerrand zu werfen.
AntwortenLöschenWohl wahr!
AntwortenLöschen1. könnte das Leben der Grund sein - oder
2. falsche Grundannahmen oder
3. nicht ausreichend weitreichende intellektuelle Einordnung. Oder
4. Beamte, Staatssekretäre und Minister, die zwar Prozesse, gesellschaftliche Angelegenheiten usw. regulieren, aber nur in den seltensten Fällen intelligent oder gar nachhaltig, (siehe oben sowie Punkte 1 und 4) - was für mich in den meisten Fällen dasselbe ist.
Aber es kommt, wie gesagt, auf die Perspektive an - aus der Lobby-Perspektive dürfte die Sache vermutlich ganz anders aussehen,
vermutet Annette S. aus K., die außerdem befürchtet, dass der Blick über den intellektuellen Tellerrand bei vielen PolitikerInnen bereits an der grassierenden Kurzsichtigkeit scheitert ...