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| http://www.alsa.org |
Die Amyotrophe Lateralsklerose, ALS, ist eine unheilbare
Nervenkrankheit, die meist innerhalb weniger Jahre tödlich endet.
Spezialisierte Nervenzellen gehen dabei zugrunde, was die Signalkaskade von
Gehirn, Rückenmark und Muskeln unterbricht. Betroffene verlieren nach und nach
die Kontrolle über ihren Körper. Einzig der Geist bleibt unberührt. Pro Jahr
erkranken etwa zwei von 100.000 Menschen an ALS.
Die Idee, die Herausforderung für eine Spendenkampagne zu
Gunsten der ALS-Association (ALSA) zu nutzen, stammt natürlich aus den USA und
dort von einem selbst an ALS erkrankten ehemaligen Baseball-Star, der sich
bereits seit Jahren für die ALS-Forschung engagiert. Alles begann am 30. Juni
bei einem Fernsehauftritt und entwickelte sich vornehmlich mithilfe prominenter
Sportler rasant weiter. Erst später griffen Nichtsportler ein. Mehr als 100
Millionen Dollar Spenden kamen bisher in den USA zusammen.
Die Herausforderung besteht darin, sich einen Eimer kaltes
Wasser über den Kopf zu gießen und danach drei oder mehrere Personen zu
nominieren, es einem binnen 24 Stunden gleichzutun, sowie zehn US-Dollar oder Euro
zu spenden. Will man sich nicht den Eimer antun, soll man das Zehnfache
spenden. Das ist natürlich eine klassische Lose-lose-Situation, doch es geht ja
um den guten Zweck. Was wir hier haben, ist aber auch die Fortsetzung des
klassischen Lawinenspiels, das wir von Finanzbetrügereien, Kosmetikvertrieben
oder Kettenbriefen kennen.
Das totgeglaubte System funktioniert also wieder, weil jetzt
ein Wohltätigkeitseffekt die Leute animiert. Es geht nicht mehr um Geschäfte,
sondern darum, Wohlgefallen zu sammeln. Und ebenso will der moderne Mensch
dabeisein, wenn irgendwo die Post abgeht und man sich an eine Mehrheit
dranhängen kann. Da ist nicht mehr viel übrig von der ursprünglichen Idee, sich
für einige Sekunden durch das kalte Wasser ein wenig so gelähmt zu fühlen, wie
es ein Erkrankter sein restliches Leben lang ertragen muss.
Das hat die Mehrheit der heutigen Eimer-Artisten längst
nicht mehr auf der Agenda. Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und
fragen: Mit einem bisschen Eiswasser soll man das Schicksal eines Gelähmten
nachempfinden können? Was für eine furchtbare Verharmlosung! Als würde mit der Aktion nicht
ohnehin schon jede Menge Spaß aus Entsetzen gewonnen.
Kein Tag vergeht, an dem nicht mindestens ein Prominenter
mithilfe des Eiskübels noch ein bisschen prominenter werden will.
Wirtschaftsmagnaten, Politiker, ein Pfarrer beim Wort zum Sonntag, Helene
Fischer im knackigen Bikini und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, ohne den der
Siegeszug einer solchen Kampagne ja gar nicht vorstellbar wäre, taten sich den
„Spaß“ schon an. Die Challenge hätte den Weg nicht bis in die Klassenzimmer
gefunden, in dem sie heute angekommen ist, wenn nicht all die Prominenten und
Möchtegernprominenten die Aktion unter willfähriger Mitwirkung der Medien für
ihre Selbstdarstellung genutzt hätten.
Alle wollen als Schleimer unterm Eimer dabei sein und sich
publikumswirksam lächerlich machen. Für ihre Selbstbeweihräucherung ertrugen
die Selbstbekübelung eine philippinische Justizministerin, eine Gouverneurin
von South Carolina, George W. Bush, den man nicht weiter vorstellen muss, die hochdotierte
Chefin des öffentlichen Berliner Nahverkehrsunternehmens (Jahresgehalt 434.000
Euro) in weißer, dünner Bluse und schließlich Heidi Klum, die aber nicht sich,
sondern stellvertretend einen Modedesigner nassgemacht hat. Nein, nicht alle sind dabei, denn
US-Präsident Obama blieb trocken hinter den Ohren und bezahlte stattdessen, und
Kanzlerin Merkel ignorierte den Mummenschanz völlig. Die Frau hat Stil, wenn auch nicht bei der Kleidung.
Natürlich müssen aber Leute wie der Grünenchef Cem Özdemir
dabei sein, auch wenn sie am Ende nicht so richtig vermitteln können, ob sie
jetzt für ALS, gegen die ungerechte Welt an sich, für Cem Özdemir persönlich
oder gegen das Verbot von Marihuana demonstrieren. Dabei wäre man schon froh, wenn solche Typen eine
verantwortungsbewusste Politik versuchen würden. Aber nein, wir leben ja jetzt
in einer Kultur der Clowns, und wer nicht mitmacht, ist ein Spaßverderber. Da
wird einem richtig übel unterm Kübel.
Was auf der Habenseite bleibt, ist das einkommende Geld für
den guten Zweck. Auch Menschen in Deutschland und nicht nur ALS-Kranke
profitieren von der sommerlichen Eisflut. Beispielsweise meldete die Deutsche
Herzstiftung, die Zahl der Spenden habe sich im August innerhalb weniger Tage
fast verzehnfacht. Bei der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM), die auch,
aber nicht nur, für ALS zuständig ist, stiegen die Zuwendungen innerhalb einer
Woche um eine halbe Million Euro auf 700.000 Euro.
Aber auch da werden inzwischen Zweifel laut. So wurde
kommuniziert, dass ALS-Funktionäre sich ordentliche Gehälter auszahlen lassen -
und das nicht nur in der Eis-Eimer-Saison. Und wie wird der Rest verteilt?
Niemand weiß es. Bisher standen nach eigenen Angaben die 28 Millionen Dollar für
die Forschung den rund 75 Millionen für Patientenberatung und Aufklärungskampagnen
sowie für Verwaltung und Gehälter gegenüber. Ein im Spendengeschäft durchaus
übliches Verhältnis, wie das DZI, die in Deutschland zuständige
Kontrollinstitution verlautet. Bedauerlicherweise wisse man das aber nicht
genau, denn es sei in Deutschland nicht gesetzlich geregelt, dass
Spendenorganisationen ihre Finanzinformationen veröffentlichten.
Kritiker sprechen übrigens von ganz anderen Zahlen, nach
denen bisher lediglich 7% der Spenden für die Forschung ausgegeben wurden.
Dafür aber schließt ein Pharma-Unternehmen nicht einmal die Tür des Labors auf.
Es kommt also, egal wie man rechnet, nicht viel Spendengeld am Ziel an. Und
wozu brauchen eigentlich ALS-Kranke eine Aufklärungskampagne? Die merken auch
so, dass sie krank sind und dass die Medizin ihnen kaum helfen kann.
Auch mit 100 Millionen wird angesichts der jahrzehntelangen
Vernachlässigung der Erforschung von Muskelkrankheiten nicht einmal der
berühmte Blumentopf zu gewinnen sein (Achtung: Blumentopf nicht über dem Kopf ausgießen). Und
ALS ist nur eine von tausenden unerforschter oder ungenügend erforschter
Krankheiten. Wir brauchen statt der wässrigen Spendenaktion eines Sommers viel
mehr einen grundlegenden sozialen und institutionellen Mentalitätswandel.
Dabei ist es nicht wirklich ein Trost, dass es mit der
Spendenbereitschaft in der neuen kulturellen Eiszeit zuletzt sowieso den Bach
heruntergeht. Zunehmend steht der Spaß im Vordergrund, und das Spenden wird
vergessen. Die Bilanz der Challenge sieht also nicht wirklich gut aus. Die Krankheit,
um die es geht, wird dadurch nicht enden, und eine neue kommt mit einem KfW, also
„Kollektiv-fröhlichen Wahn“, hinzu.
Als Nachfolgemodell steht deshalb schon die Camel-Toe-Challenge
in den
Startlöchern, die vorgibt, gegen den Gebärmutterhalskrebs zu
kämpfen, indem entsprechend bestückte Frauen in engen Leggins ihre Schamlippen in
die Kamera recken.
Alle haben dann ihren Spaß gehabt, Gutes getan und können unbeschwert
so individualistisch weitermachen wie zuvor. Das erinnert an den Ablass aus dem
15. Jahrhundert, bei dem man sich von seinen Sünden mit Geld freikaufen konnte.
„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, hieß es
damals. Nun, damals sprang am Ende als Reaktion noch die Reformation heraus.
Was aber könnte jetzt Nützliches passieren?
Eher das Gegenteil: In den USA ist es üblich, dass der Staat
sich aus der sozialen Verantwortung heraushält und den unprofitablen Job von Privatleuten,
Stiftungen sowie religiösen und karitativen Einrichtungen erledigen lässt. Dies
aber ist ein Teil des Systems der Umverteilung von arm nach reich, das mit
Aktionen wie der Eis-Eimer-Challenge auch bei uns an Boden gewinnt. Bei den
Amerikanern zählen die Äußerlichkeiten, und jetzt also auch bei den Deutschen:
Eiskübel - Pflicht erfüllt - weitermachen mit der üblichen Selbstbefriedigung.
Der Herbst erlöse uns von dem Übel.
Wäre es nicht sinnvoller als ein durchaus beeindruckendes
Spendenaufkommen, Druck auf das System, also den Staat, die Pharmaindustrie und
die Ärzteschaft, auszuüben, um eine intensivere Forschung, ein Respektieren der
Patienten und deren menschenwürdige Versorgung anzustreben?
Ohne eine strukturelle Lösung ist also die schöne neue Idee
ziemlich im Eimer. Aber es geht noch schlimmer: Die Vereinigung „Ärzte gegen
Tierversuche“ hat alle Eiswassernominierten aufgefordert, erst gar nicht an die
ALS-Association zu spenden, denn diese führe schließlich „grausame und sinnlose
Tierversuche“ durch. Bei dieser Form des Trittbrettfahrens kann man den leeren Eimer
praktischerweise gleich zum Kotzen nutzen.

Lieber Herr Kustos,
AntwortenLöschenwunderbar, wie Sie dieser neuen Entwicklung auf den Zahn fühlen ...
Ich muss gestehen: Ich habe an einigen Stellen gelacht.
Das ist in Anbetracht des Themas möglicherweise verwerflich, aber immerhin war ich kurzzeitig nicht kollektiv, sondern nur individuell fröhlich.
Vielen Dank für diesen erbaulichen Beitrag!
Ein schönes Wochenende wünscht
Annette S. aus K.