![]() |
| Bildquelle: www.silbenton.de |
Moment mal, was soll der Zynismus? Müssen nicht Einzelne
daran gehindert werden, auf Kosten der Nerven oder der Gesundheit anderer sich
Vorteile im Straßenverkehr zu verschaffen? Hat nicht der Staat eine
Fürsorgepflicht? Ist Konrad Kustos jetzt zu den Anarchisten übergelaufen? Selbstverständlich
muss der Staat steuern, die Frage ist nur, wie. Bei den 90.000 zur Strecke
gebrachten Autofahrern in Berlin und den anderen anderswo handelt es sich
nämlich mit Sicherheit, wenn auch aus gutem Grund von der Polizei nicht
veröffentlicht, zu einem Anteil im hohen 90%-Bereich um solche, die die
Geschwindigkeitsgrenze nur unwesentlich und ohne Gefährdung anderer überschritten
haben. Die wahrscheinlich durch ihr Verhalten den Verkehr sogar flüssiger und
effektiver gemacht haben.
Gleichwohl heißen alle diese Menschen in der Sprache der
Verantwortlichen und der Medien „Raser“. Wie heißen dann eigentlich die
Autofahrer, die wirklich rasen? Vielleicht ist es notwendig, hier noch einmal
zu relativieren: Natürlich bedarf es der Kontrollen und bedarf es der Strafen,
um Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Aber angesichts der in
Pauschalregelungen lauernden Ungerechtigkeiten und der Tendenz, im scheinbaren Interesse
der Sache zu übertreiben, gilt es ebenso, eine gewisse Zurückhaltung des
Staatsapparats zu fordern. Der in der Tat erforderliche Abschreckungscharakter auf
Verkehrsrüpel kann gesamtgesellschaftlich sowieso viel weniger diffus dadurch
erreicht werden, dass wirkliche Unfallverursacher mit dafür größerer Härte
angegangen werden.
Als Beispiel für Ungerechtigkeiten müssen nicht nur
unterschiedliche Verkehrssituationen, Tageszeiten oder Straßenzustände bei
gleichen Temporegelungen herhalten. Es reichen Vergleiche der Strafordnung: Für
21 km/h zu schnell gefahren gibt es einen Punkt in Flensburg, für 70 km/h zu
viel ebenfalls. Für 0,5 fünf Promille gibt es zwei Punkte, für das doppelte auch.
Die rote Ampel nach einer Sekunde kostet zwei Punkte, was punktetechnisch
gleichgesetzt wird mit Fahrerflucht, illegalen Straßenrennen und Nötigung. Das
erinnert an amerikanische Verhältnisse, bei denen der zum dritten Mal erwischte
Apfeldieb für Jahre ins Zuchthaus muss.
Ein Fahrer, der einem Bei-Gelb-Bremser aufgefahren war,
wurde vom Landgericht München die volle Schuld zugesprochen, obwohl er nachvollziehbar
ausgeführt hatte, er habe sogar selbst noch bei Gelb über die Ampel fahren
können. Man vergleiche diese Rechtsprechung mit der täglichen, erprobten und
sinnvollen Praxis: Was wäre denn der Sinn einer gelben Ampel, als auf das
kommende Rot hinzuweisen, statt, wie die Rechtsprechung es aus übersteigertem
Kontrollbewusstsein sieht, selbst schon Rot darzustellen.
Auffällig sind aber vor allem die ständig steigenden Erlöse
aus Verkehrsordnungswidrigkeiten. Merkwürdigerweise, aber wohl aus gutem Grund,
finden sich kaum übergreifende statistische Zahlen zu diesem Phänomen. Berlin
jedenfalls steigerte seine Einnahmen aus Verkehrsordnungswidrigkeiten von 2010
zu 2011 um 21% d.h. von 23 Millionen auf mehr als 28 Millionen Euro. 2012 ging
es weiter nach oben. Und diese Steigerung ist dramatisch höher als der zu
Grunde liegende Anstieg der Zahl der Verstöße.
Es kommt dem Regulierungsstaat also zupass, dass seine
Ordnungspolitik nicht nur auf ein ausuferndes und deshalb
situationsunangemessenes Sicherheitsverständnis zurückgreifen kann, sondern
auch noch seine Taschen füllt. Deutliche Worte sprach der Leserbrief eines
aktiven Polizisten in der Berliner Morgenpost: „Die Geschwindigkeitskontrollen
dienen lediglich zum Geldeintreiben. Ich habe oft erlebt, dass Kontrollen vor
Schulen abgebrochen und dann an breiten Hauptstraßen fortgeführt wurden, weil
dort mehr Verwarnungsgelder erzielt werden. Die Verkehrssicherheit spielt
überhaupt keine Rolle. Jeder weiß es, aber alle streiten es ab. Die Direktionen
liegen durch das Controlling untereinander im Wettstreit. Eine Direktion, die
in der Jahresstatistik mit Verwarnungsgeld und Bußgeldbescheiden hinten liegt,
verpflichtet sich in der Zielvereinbarung, besser zu werden. Das geht natürlich
nur, wenn man nicht vor Schulen und Krankenhäusern steht, sondern an Straßen
mit hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten.“
Bevor ich jetzt von missverstehen(wollen)den Kommentaren
erschlagen werde: Mir ist schon bewusst, dass eine liberalere
Verkehrsstrafenpolitik auch Risiken birgt und kurz- bis mittelfristig auch eine
moderate Zunahme der Unfallzahlen bewirken könnte. Doch es wäre in Verbindung
mit fühlbaren Strafen für Schadensverursacher ein Weg, über eine angemessene
Ordnungspolitik das Verantwortungsbewusstsein und die Einsicht in die
Notwendigkeit rücksichtsvollen Verhaltens eines jeden Verkehrsteilnehmers zu
stärken.
Als ich in jungen Jahren durch das damals noch
sozialistische Jugoslawien fuhr, und merkte, dass in der mit Tempo 50
ausgeschilderten Kurve fünf Stundenkilometer mehr beinahe zu einem Abflug in
die Schlucht geführt hätten, hatte ich begriffen, dass die Schilder hier nicht
wohlmeinende Fantasiezahlen anzeigten, die jeder nach Stand seines Selbst- oder
Obrigkeitsbewusstseins frei zu interessieren hat, sondern eine zu
respektierende Realität.
Doch hierzulande geht es ja bekanntlich immer weniger um die
Realität als um die Virtualität. Bürger wie Staat überbieten sich in virtueller
Menschenfreundlichkeit, ohne zu prüfen, ob nicht mehr Schaden als Nutzen
angerichtet wird. Eine Erkenntnis, die natürlich nicht nur für die
Verkehrspolitik gilt. Diese Denkweise bedient sich der Triebkraft des
Irrationalen. Wie bei einem Pilotenspiel gewinnt der, der sich frühzeitig an
die Spitze der Bewegung der Menschfreundlichkeit und des Gutestuns setzt. Das
geschieht natürlich nicht bewusst, sondern intuitiv, so wie auch der Niedergang
an sich im Grunde nicht das Ergebnis der Pläne irgendwelcher böser Menschen
ist, sondern das degenerierender Strukturen.
Mittlerweile findet geradezu ein Wettrennen um die
Pole-Position beim Gutestun statt. Aber dieses Gute wird über Anweisungen,
Regeln und Gesetze angepeilt und nicht durch Ermöglichung eines sozialen
Reifeprozesses. Die Niedergangsgesellschaft spült dabei Totalitaristen in die
Machtpositionen, die unseriös einfache Lösungen für komplexe Situationen
anbieten. ‚Kopf ab’ statt rechtsstaatliches Verfahren beispielsweise. Da ist
der Weg nicht weit, dass ein Bundespräsident uns vorgauckelt, Militäreinsätze
in fremden Ländern seien ein Gebot der Nächstenliebe. Erst eins, dann zwei,
dann drei, dann vier, dann steht der Weltkrieg vor der Tür.
Diese neue Ideologie des „Totschützens“ beginnt bei überfürsorglicher
Kindererziehung und endet im totalitären Staat. Sie ist eine Einübung in
Folgsamkeit ohne eigentliche Positionen, Gehorchenlernen auf der Metaebene. Das alles sind Vorboten von Verboten. Dabei geht es, wie bei
historischen Ideologien auch, selbstverständlich immer auch um das Gute. Nur dass
all die anderen, und die sind meistens auch noch in der Mehrheit, dazu
gezwungen werden müssen. Natürlich zu ihrem eigenen Vorteil. So lernen wir von
diesem Apparat, dass auch Überwachung, zumindest solche aus ach so guten
Gründen, in unserem eigenen Interesse stattfindet. Und weil das so gut klingt
und wir darauf hereinfallen, findet Überwachung und Drangsalierung inzwischen
auch in unseren Köpfen eine masochistische Heimstatt.
Was kommt alles noch danach? Ignorieren wir das heute und beruhigen
unsere zurecht vibrierenden Nerven, in dem wir auf die vergleichsweise harmlose
Spielwiese Verkehrspolitik zurückblicken. Die schwedische Firma Edeva hat eine
Fallgrube entwickelt, die sofort für „einen heilsamen Schock“ sorgt. Fährt
jemand zu schnell, senkt sich einige Meter hinter der Tempokontrolle eine quer
verlaufende Metallplatte um vier Zentimeter. Auto und Insassen werden dadurch
kräftig durchgerüttelt. Die Anlage habe sich in einem schwedischen Ort schon
bewährt: Dort sank der Anteil der Schnellfahrer (in verkehrsberuhigten Zonen)
von 70 auf 20%. In meinem Rechtsverständnis ist das massive staatliche Gewalt
gegen Menschen, die keinen anderen Verstoß begangen haben, als eine Situation
selbständig einzuschätzen, statt auf staatliche Anordnungen zu vertrauen. Wer
nicht hören will, muss eben fühlen. Eine wahrhaft erschütternde Maßnahme.

Es gibt eindeutig die tendenzielle Entwicklung hin zu einem Staat, der alles und jeden kontrolliert - vermutlich aus der Angst heraus, dass Teile des deutschen Michels merken, wie kaputt eigentlich dieses System des angeblichen immerwährenden Wachstums und der daraus angeblich resultierenden materiellen Wohlfahrt für breite Bevölkerungsschichten ist - aber, zu dieser Thematik nun das "Blitzen" von Rasern zu zählen ist kompletter Blödsinn und absolut an der Realität vorbei. Leben Sie mal mit ein oder zwei Kindern in einer üblichen deutschen Ortschaft im alten Ortskern, dort schert sich der Rasermob einen Dreck um die Anlieger, ihre Sicherheit oder etwa Lebensqualität hinsichtlich Lärm und Emissionen. Wenn dort eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 KM/H besteht, wird konsequent mit 50 bis 80 KM/H durchgerast - und da wird so gut wie nichts kontrolliert, weder von der Gemeinde noch der Polizei. Bei der Raserei geht es auch um Lebensqualität, muss eigentlich unsere gesamte Umwelt ständig beherrscht sein von Motorenlärm und Abrollgeräuschen?
AntwortenLöschenDer Sinn staatlicher Machtausübung gegenüber seinen Bürgern liegt nicht nur darin, seine Existenz durch das Eintreiben von finanziellen Mitteln zu sichern, sondern vor allem auch darin, zu verhindern, dass Bürger anfangen, ihre "Rechte" selber durchzusetzen. Dazu muss nicht nur die Selbstjustiz verhindert werden, sondern Regelverstöße müssen entsprechend bestraft werden. Wenn der Staat einen großflächigen Regelverstoß durch Autofahrer toleriert, vermittelt er die Botschaft, dass ihm Regeln ziemlich egal sind. Das trifft auch andere Bereiche, wie z.B. Steuern oder Kriminalität. Und es schlägt irgendwann auch auf die Autofahrer selbst zurück, wenn Anwohner mit grenzwertigen Methoden für Verkehrsberuhigung sorgen.
AntwortenLöschenEin Fahrzeug, das mit Tempo 40 durch eine Tempo-30-Zone fährt (also quasi der Normalfall), mag zwar aus Sicht des Fahrers den Verkehrsfluß fördern, aus Sicht der Anwohner werden aber deren Kinder gefährdet (ca. Verdoppelung des Bremswegs), zusätzlicher Lärm erzeugt und durch "Verbesserung" des Verkehrsflusses auch mehr Kraftfahrzeuge motiviert, hier langzufahren.
Es handelt sich also um einen klassischen Interessenskonflikt zwischen verschiedenen Bürgergruppen. Da bisher die meisten Bürger Autobesitzer waren, wurde dieser Konflikt eher zu Lasten der Nicht-Autofahrer entschieden. Langsam kippt das aber, zumindest in den Städten - immer mehr junge Leute verzichten auf das Auto. Früher waren die Nicht-Autobesitzer eher Alte oder ärmere Leute, heute immer mehr junge und wirtschaftlich und politisch Aktive.
Damit dreht sich die Diskussion langsam um, und es stellt sich die Frage, ob es nicht Zonen und Zeiten geben sollte, in denen das Generieren von Lärm, Dreck und Unfallgefahr mittels Kraftfahrzeug in Wohngebieten vollständig unterbunden wird. Eine solche Zonenregel könnte durchaus auf demokratischer Basis pro Wohngebiet eingeführt werden.
Ein Fahrverbot in ausgewählten Wohngebieten zwischen z.B. 12:00 - 16:00 und 23:00 - 6:00 (mit zu definierenden Ausnahmeregeln) wäre für die Mehrheit der Autofahrer erträglich und würde den Anwohnern, vor allem den Kindern, einen massiven Gewinn an Lebensqualität bieten. Das ist im übrigen die logische Konsequenz aus der flächendeckenden Missachtung der Geschwindigkeitsbegrenzungen durch die Autofahrer - eine solche Regelung würde die "Belästigung" der Autofahrer durch Geschwindigkeitskontrollen oder Schwellen reduzieren.
Ich denke inzwischen darüber nach, welchen politischen Hebel man verwenden könnte, um das durchzusetzen. Für aussichtslos halte ich das nicht - in weniger konservativen Städten als Berlin habe ich solche Ansätze, zumindest in der Innenstadt, schon mehrfach gesehen, neulich z.B. in Bochum.
Noch schnell ein Nachsatz. Der geballte Einsatz der Staatsmacht in Berlin hat zur Ermittlung von 3800 "Temposündern" geführt. 2,7% der Kontrollierten waren "schuldig". Dafür war der Einsatz von 1400 Beamten erforderlich, also 2,7 Raser pro Beamten! 34 von 86.000 Personen fuhren 31 km/h oder schneller. Das sind 0,03%. Die Polizei meldet: Das Ziel, die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren, sei erreicht worden. Richtig ist: Es wurde erreicht, die Menschen gegenüber Polizeieinsätzen zu desensibilisieren.
AntwortenLöschen