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| Zeichnung: http://artsfwd.org |
In dem üblen Sinne naheliegend war beispielsweise der
Gedanke der Berliner Verkehrsverwaltung, aus einem Rückgang des motorisierten
Individualverkehrs und der Zunahme des Fahrradverkehrs abzuleiten, dass man
weniger Straßen und mehr Radwege brauche. Ein kluger Berliner hielt per Leserbrief
in einer Tageszeitung unerhört und ungehört dagegen, dass im selben Zeitraum
der öffentliche Nahverkehr doppelt so stark zurückgegangen sei wie der
Autoverkehr, und ersterer mit derselben Logik noch stärker reduziert werden
müsste als der Autoverkehr. Er fügte hinzu, dass in der offiziellen Prozente-Spielerei
verheimlicht wurde, dass objektiv alle drei Verkehre zugenommen hätten, nur
eben der Fahrradverkehr am meisten.
Dieses Nah-Denken anstelle eines nachhaltigen Nachdenkens hat
der Nah-Verkehr natürlich nicht exklusiv, was beispielsweise das zunehmende überzogene
Sicherheitsdenken beweist. Am historischen und wunderschönen Berliner
Landwehrkanal haben verantwortungsvolle Nah-Denker in kurzen Abständen
Sicherheitsleitern in gelb-grüner Leuchtfarbe in den Sandstein geschraubt und
damit die ästhetische Wirkung des Baukunstwerks erheblich geschädigt. Meines
Wissens ist in den mehr als 300 Jahren seiner Existenz niemals jemand deshalb
final im Kanal gelandet, weil er die Sicherheitsleiter nicht fand, stattdessen
aber relativ häufig, weil er sich entweder das Leben nehmen wollte oder jemand
anders es ihm schon genommen hatte.
Aus dem kleinen Beispiel ist ersichtlich, dass der
sicherlich ehrenwerte Vorsatz, Leben zu retten, nicht andere Gesichtspunkte
außer Kraft setzen oder außer Acht lassen darf, erst recht nicht, wenn eine
quantitative Komponente hinzukommt. In unserem Beispiel heißt das, dass jetzt
noch immer keiner bei der Leiternsuche ertrunken ist, dafür aber den Abertausenden,
die den Kanal täglich zu Gesicht bekommen, der Spaß versaut wurde.
Ähnlich liegt der Fall, wenn auf Brandenburgs Alleen
tagtäglich rund um die Uhr ebenfalls Abertausende nur 70 km/h fahren dürfen,
weil sich alle zwei Jahre irgendein besoffener Idiot um einen der vielen Bäume
wickelt. Eine solche Regelung wäre sogar dann schwachsinnig, wenn man nicht
davon ausgehen müsste, dass sich besagter Idiot sowieso nicht an Verkehrsregeln
halten wird. Ich könnte jetzt viel und sarkastisch über Evolution schreiben,
lasse das aber im Interesse des Naheliegenden.
Komplexes, oder, wie es hier gerne heißt, Kybernetisches
Denken muss nicht nur viele Faktoren zusammenbringen, sondern die einzelnen
auch quantitativ und qualitativ bewerten sowie Wechselwirkungen bedenken.
Kybernetisch gesehen geht es um das Verhältnis von Aufwand und Nutzen, um die
Effektivität von Regeln und Maßnahmen, um den möglichen Ausschluss von
Erfahrung und Selbstbestimmung, kurz: um ein komplexes Gesamtbild auch über
einen längeren Zeitraum betrachtet. Angesichts dieser Implikation können ein
paar mögliche Tote in der Tat auch als Kollateralschaden betrachtet werden.
Allensbach-Meinungsforscherin Renate Köcher sagt: „Wenn die
Alltagserfahrung der Menschen den täglichen Alarmmeldungen widersprechen,
orientieren sich die meisten an ihren eigenen Erfahrungen. Vieles prallt dann
an ihnen ab.“ Das ist ein Grund, warum mir der gesunde Menschenverstand des
„einfachen“ Bürgers meistens so viel lieber ist als das Expertengerede. Er
erdet seine Meinungen und Entscheidungen intuitiv-komplex an der Realität,
während die, die es angeblich besser wissen, sich zu oft in intellektuellen
Teilbetrachtungen verlieren.
Wichtig ist, was passiert, nicht was passieren soll, könnte
oder müsste. Unsere virtuelle Planungspolitik handelt aber genau umgekehrt. Sie
lässt komplexe Prozesse aus. Sie folgt einer falschen Kausalität. Beispiele
dafür zu suchen ist müßig, denn es gibt im öffentlichen Raum so gut wie gar keine
Gegenbeispiele, und auch in der Privatheit gewinnt das nicht nur lineare,
sondern auch noch verkürzte Nah-Denken zunehmend an Einfluss.
Gehen wir die These aber dennoch einmal am Beispiel der
sogenannten Lebensmittelampel durch. Die scheint nämlich auf den ersten Blick
eine feine Sache zu sein. Rote, gelbe und grüne
Markierungen an den Lebensmitteln sollen den Verbraucher darauf
aufmerksam machen, was gut für ihn ist und was nicht. Doch welcher Ampel-Juror
könnte sich anmaßen, angesichts in der Regel völlig divergierender
wissenschaftlicher Erkenntnisse und vor allem sehr häufig divergierender persönlicher
Bedürfnisse oder Erfahrungen der Verbraucher dies festzulegen?
Was er bestenfalls festlegen könnte, wäre eine
Momentaufnahme der Durchschnittsbedürfnisse und des fachlichen
Erkenntnisstandes. Nur rechtfertigt dies tatsächlich, die Nutzer zu dominieren
und einzuschränken? Diese Ampel, wo sie denn noch eingeführt werden sollte,
bedeutet einen weiteren Schritt hin zur Herrschaft der Besserwisser und eine
weitere Entmachtung des Erfahrungswissens, eine Gleichschaltung des Denkens und
eine Missachtung des Individuums. Der Verbraucher wird damit für dumm erklärt, schlimmer:
seine Erfahrungen, sein Wissen und seine Bedürfnisse werden nicht nur
ignoriert, sondern als bestenfalls nichtig, schlimmstenfalls schädlich
gebrandmarkt.
Eine Reduktion auf die drei Zustände rot, gelb und grün gibt
scheinbare Antworten und vereinfacht unzulässig komplexe Zusammenhänge. Das
passt natürlich in die virtuelle Gesellschaft wie die Faust aufs Auge.
Rhabarber bekommt dann ein Grün, ohne zu berücksichtigen, dass dessen erhöhter
Konsum giftig ist. Auch wenn es am Anfang vielleicht nur um den Gehalt von
Salz, Fett und Zucker in den jeweiligen Produkten gehen sollte, ist doch jeder
Stoffwechsel und jedes Ernährungsprofil anders - Männer haben andere
Bedürfnisse als Frauen, Sportler andere als Couch Potatoes. Unterzuckerung
erhöht die Wahrscheinlichkeit von Schlaganfällen, Salzmangel von
Krampfzuständen. Man fühlt sich nicht von ungefähr an die Energieampel
erinnert, bei der mit einem Verzicht auf Leistung und Volumen energiepolitische
Correctness hergestellt werden soll.
Eine solche Regelung stellte immerhin sicher, dass die
Menschen an einer Schlüsselstelle ihres Lebens nicht mehr selber denken müssen.
Auf solch ein intellektuelles Entzugstraining haben viele schon gewartet, die
mit unserer Demokratie noch besonderes vorhaben. Als wenn durch die Medien mit
Ratgebern, Wellness-Visionen und werbefinanzierten Wohlfühlzeitschriften nicht
schon genug Ernährungsgehirnwäsche betrieben wird. Grundsätzlich zeigt sich bei
allen Spielformen eine unglaubliche Verachtung der Entscheider in Bezug auf
ihre Adressaten, also auf die Menschen und ihren gesunden Menschenverstand. Die
Bevormundung bewirkt eine perfide Art von self-fulfilling prophecy, denn der so
für dumm Verkaufte verliert in der Tat irgendwann seine Handlungskompetenz.
So steht die Ampel auf Grün für eine ganz neue Form von
Entmündigung - nicht nur in der Frage der Ampel. Big Brother braucht gar keine Überwachungsanlage
mehr, Big Brother wird den Leuten in Form von freiwilliger Unterordnung unter
jene, „die es doch besser wissen“, scheinbar gutwillig ins Bewusstsein
implantiert. Die Menschen sind dann für ihre mentale Marginalisierung selber
zuständig. Das spart Kosten und ist effektiv.
Für die Konsumenten bedeutet es praktisch eine Impfung mit
permanent schlechtem Gewissen, wenn sie sich die Tüte Chips dann am Sonnabendabend
doch spendieren. Am Ende führt das eben nicht nur zu Depressionen, sondern auch
zu einer Abstumpfung gegenüber jeder Art von Input, also auch von sinnvoller Information.
Dann regiert nur noch entweder das Lustprinzip oder die Fremdbestimmung.
Zum Glück hat unsere EU sich vorerst gegen die von unseren
Verbraucherschützern und Politikern geforderte Ampel ausgesprochen. Diese sei
irreführend und wissenschaftlich nicht fundiert. Wie schlimm muss es um unsere Fachverantwortlichen
bestellt sein, wenn sie sogar von einer nicht gerade als menschenfreundlich
bekannten EU zurückgepfiffen werden müssen. Die EU plant nun, den Herstellern
europaweit einheitliche Angaben zum Gehalt möglicherweise schädlicher
Bestandteile abzuverlangen. Das ist ohne jeden Sarkasmus vorbildlich, denn so
kann der Konsument sich aus Fakten ein eigenes Urteil bilden.

Guter Artikel, übrigens, bei mir könnten die Ampeln anzeigen, was sie wollten. Nicht Fett oder Zucker sind an sich schlecht. Man schaue auf die Fertignahrung oder Tütennahrung, was da alles an Chemie und Maltodextrin und anderen Zuckerarten drinnen ist, was absolut nichts mit der jeweiligen Suppe oder der Tiefkühlkost zu tun hat. Aber dort setzt niemand an, weil die Konzerne und ihre gesponserten Ernährungswissenschaftler dann vielleicht weniger verdienen würden. Ich bin gern der dumme Verbraucher. Sollen die doch reden, wie sie wollen. Wenn alles so schlimm wäre, würden wir nicht so alt werden. Punkt.
AntwortenLöschenInteressante, wenn auch nicht ganz klare Aussage auf der Selbstoffenbarungsebene, werter PeWi, die ich so interpretiere, dass es Ihnen egal ist, wie viel und vermutlich auch, welche Chemie in der Tütensuppe ist. Außerdem sagen Sie, dass Zucker und Fett an sich nicht schlecht sind.
LöschenDa haben Sie in der Tat Recht – an sich ist erst einmal nichts gut oder schlecht. Erst die Wirkung auf ein System macht etwas gut oder schlecht – wenn Sie zum Beispiel DiabetikerIn sind oder einen hohen Cholesterinspiegel haben, können Zucker und Fett relativ schnell tödlich sein. Wenn Sie am Verhungern sind, können beide Stoffe lebensrettend sein.
Grundsätzlich kommt es schon darauf an, um welche Zuckerarten und Fette es sich handelt, wie sie raffiniert bzw. verarbeitet wurden und wie hoch sie dosiert sind.
Nach dieser Überlegung möchte ich das Ergebnis Ihrer aus meiner Sicht doch eher eindimensionalen Schlussfolgerung wenigstens ein bisschen komplexer betrachten:
Vielleicht können Sie sich ja meinem Gedankengang öffnen, dass die meisten aus dem Gleichgewicht geratenen Körpersysteme möglicherweise nur deshalb so lange überleben, weil sie durch Medikamente, Kuren und andere gesellschaftlich „gesponserte“ Maßnahmen überlebensfähig gehalten werden.
Wenn ich diesen Gedanken weiter fortführe, lande ich unweigerlich bei der Frage, wo die Abfallprodukte sowohl aus der Lebensmittelforschung, dem Lebensmitteltuning und der Pharmaforschung entsorgt werden.
Übrigens werden diese Stoffe interessanterweise auch von WissenschaftlerInnen und ExpertInnen für und gegen alles entwickelt – für die dummen VerbraucherInnen und für die im wahrsten Sinne des Wortes armen Schweine und ihre tierischen Leidensgenossen, die bei so viel Dummheit ganz nebenbei leider häufig genug ebenfalls dran glauben müssen.
Sämtliche Stoffe (denn ich einem System geht nichts verloren) landen dann praktischerweise – nach dem Durchlauf durch mehrere Systeme angereichert und möglicherweise in ihrer schädlichen Wirkung potenziert – im Abwasser, um dann wiederum im Trinkwasser und in der Lebensmittelkette aufzutauchen.
Und sofort stellt sich mir die nächste Frage: Wie viel Dummheit einzelner Individuen kann ein Gesellschaftssystem in der Summe eigentlich ausbalancieren, ohne mittelfristig vor die Hunde zu gehen?
An dieser Frage knackt schon lange
Annette S. aus K.