Resümieren wir zuvor noch einmal kurz die Situation. Volksentscheide liegen in Deutschland auf Länderebene im Trend. Sie sind manchmal erfolgreich, scheitern häufig an mangelhafter Beteiligung oder am Quorum (der gesetzlich definierten Mindestzustimmung) und zeichnen sich durch die grundsätzliche Problematik aus, bisher fast immer partikuläre Interessen zu vertreten und eine komplexe politische, wirtschaftliche oder soziale Gemengelage nicht ausreichend abbilden zu können. Schon in der Formulierung der Anträge kann sich bewusste oder unbewusste Manipulation einschleichen.
Dazu ein Beispiel zur aktuellen Zuwanderungssituation: Nach
einer Umfrage der Deutschen Welle vom Sommer sprachen sich 36% der Deutschen gegen eine
Begrenzung des Zuzugs nach Deutschland aus, 48% der Befragten sind für ein Limit,
also im Prinzip auch für die Zuwanderung. Hier sieht man, wie schon die
Fragestellung zweifelhafte Mehrheiten schafft. Es hätte natürlich gefragt
werden müssen, wie viele überhaupt für oder gegen Zuwanderung sind, denn so
wurde den Abstimmenden schon ein zuwanderungspositives Statement nahegelegt.
Aber unabhängig davon: Wie sollte, falls ein solches Thema
überhaupt Gegenstand einer Volksbefragung werden könnte, eine solche Schwarz-Weiß-Frage
einer komplexen Situation gerecht werden? Und wie wird man in einem großen
Kulturkreis regionalen oder anderen Minderheiten gerecht werden? Beispielsweise
waren im gewählten Fall zwar 45% der Bürger aus den alten Bundesländern, aber
56% aus den neuen für eine Begrenzung des Zuzugs. Müsste man deshalb Zuwanderer oder
Flüchtlinge (was denn nun eigentlich?!) nicht konsequenterweise überproportional
in den westlichen Bundesländern ansiedeln? Oder vielleicht sollten alternativ
die entsprechenden Landeshaushalte entsprechend mehr oder weniger an den Kosten
beteiligt werden?
Hätte ein Plebiszit für eine schönere Architektur oder für ein
Hundeverbot eine Chance - und wäre das sinnvoll? Wollen wir wirklich die populäre
Abschaffung der Benzinsteuer auf Kosten von endlichen Ressourcen und
Umweltverschmutzung? Was ist, wenn der Manipulationsapparat, den Wählern „rechtzeitig“
erfolgreich die Köpfe verdreht hat und diese gegen ihre eigenen Interessen
abstimmen? Wie sieht es mit der Spendentransparenz aus, und besteht nicht die
Gefahr, dass die Debatte über eine emotional besetzte Frage zu tieferen Gräben
zwischen einzelnen Bevölkerungsteilen führt? Denn wenn der Mensch meint,
mitgestalten zu können, nimmt er das Thema viel eher als persönliche Sache an.
Das alles sind nur Beispiele, die zeigen sollen, wie eine
scheinbar objektive Wahlentscheidung eine Fülle von Härten, Ungerechtigkeiten
und Effektivitätsverlusten beinhalten kann. In ihnen spiegelt sich wider, dass Politik
in der Demokratie immer vor allem ein über alle gesellschaftlichen Dimension
reichender Konflikt zwischen oben und unten ist. Wie will ein Volksentscheid
etwa verhindern, dass eine für Bedürftige erzwungene Zahlung anderen
weggenommen wird? Sich eine Dimension des Konflikts herauszupicken bringt keine
gesamtgesellschaftliche Verbesserung. Sie schafft eher Illusionen über die Art
und den Umfang „demokratischer“ Mittel. Aber dazu wurden sie ja auch
geschaffen.
So erklärt sich, dass niemand die Abstimmung für eine gerechtere
Versteuerung von Unternehmensgewinnen oder den Austritt aus der EU organisiert.
Oder warum wir über Lehrerzahlen abstimmen (können), aber eben nicht über
Migrantenzahlen, TTIP oder die Energiewende. Hier wurden oder würden schon
entsprechende vorbereitende Initiativen zu wirklich systemrelevanten Fragen vom
Macht- und Informationsapparat gnadenlos weggeschreddert oder ausgetrickst.
Selbstverständlich beschert uns auch die aktuelle
parlamentarische Demokratie offensichtlich eine Fülle von Härten, Ungerechtigkeiten
und Schäden, weswegen man mit einer bloßen gegenseitigen Fehlerzuweisung nicht
weiterkommt. Nur würden die Defizite von Volksentscheiden nicht alternativ,
sondern additiv sein, denn die alten, die grundsätzlichen Fehler hören dadurch
ja nicht auf.
Jeder Beteiligte (Wähler wie Gewählte) muss in jeder
politischen Frage prüfen, ob richtig gehandelt wird, und für sich persönlich eine
Entscheidung fällen. Will er dabei komplexe Zusammenhänge erfassen, muss er
entgegen dem modernen aufklärerischen Positivismus den Mut haben, seine
Fehlerhaftigkeit einzuräumen und auf sein Unterbewusstsein zu hören, denn wenn
der hochgelobte menschliche Verstand erst einmal das Kommando übernimmt, sieht der
vornehmlich die Details und verliert den Blick auf die Zusammenhänge. Gelingt
dies, wird der Entscheidungssuchende nicht länger in Polaritäten verharren,
sondern quantitativ und qualitativ differenzieren. Oder, wie es in meinem Buch
„Chaos mit System“
heißt, er wird beginnen, kybernetisch zu denken.
Das Versagen der Wähler vor dem
Hintergrund solcher erforderlichen Wahlkompetenz gilt natürlich für beide
Modelle demokratischen Wählens, sonst wäre in der Bundesrepublik Deutschland
die regierende Einheitspartei schon vor Jahren abgewählt worden. Ausgerechnet
von Referenden nun plötzlich eine Wende zu erwarten ist naiv. Realitätsflucht,
Gewohnheit und Alternativlosigkeit, vor allem aber das fehlende kybernetische
Denken stehen einer Reform des Systems entgegen.
Plebiszite gefährden über die
allgemeine Problematik hinaus eine in Jahrhunderten zivilisatorischer
Entwicklung hervorgebrachte Qualität: den Apparat. Gesetzesbücher, gewachsene,
d.h. erprobte Verhaltensweisen der Funktionsträger und die in der Praxis
erworbene Kompetenz einer vom Staat installierten Verwaltung ist derzeit das
wichtigste Korrektiv für Politikerirrtümer und Dummheiten des Wahlvolks.
Man denke nur daran, dass viele
seit Jahrzehnten von jedem neugewählten republikanischen Präsidenten in den USA einen
neuen Weltkrieg befürchteten oder so viele glaubten, mit Mitterand in
Frankreich würde ein halber Sozialismus ausbrechen. Und wollte Präsident Obama seitens
der USA nicht wenigstens Guantanamo schließen? Sie alle wurden von ihren
Verwaltungen auf Normalmaß gestutzt. Dies mag den einen oder anderen
Fortschritt behindern, es garantiert aber das Bewahren immerhin
funktionierender Zustände bei der gleichzeitigen Möglichkeit einer
Weiterentwicklung in kleinen Schritten.
Und daraus ist schweren Herzens
abzuleiten, dass ein parlamentarisch organisiertes Demokratieverständnis
weitaus eher solche Schritte initiieren, also evolutionären Einfluss auf den
Apparat nehmen kann, als mehr oder weniger anarchische Spontanwahlen zu
willkürlich gewählten Themen. Was nicht heißt, dass eine überzeugende Kampagne,
im Einzelfall nicht auch zur Bewusstseinsbildung beitragen kann.
Aus all dem ergibt sich die
weitergehende Folgerung, dass jede positive oder negative Veränderung in
unserer politischen Situation nicht über isolierte Einzelfallentscheidungen,
sondern im Gegenteil über die mühsame, geduldige und langwierige Einflussnahme
auf gesellschaftliche Strukturen erfolgt. Die 68er-Bewegung hatte das, wie der
Name schon sagt, schon vor fast 50 Jahren begriffen. Angesichts realpolitischer
Hilflosigkeit und konzeptioneller Ratlosigkeit rief sie den Marsch durch die
Institutionen aus. Heute sind nicht nur alle Parteien, sondern auch der Apparat
(Verwaltung, Schule, Polizei und Gerichtsbarkeit) bis hin zu einem Großteil der
Medien vom damaligen linkstotalitären Geist erfasst.
Dummerweise liegt die Betonung
dabei auch noch weniger auf dem Wortteil „links“ als auf „totalitär“, denn die linke
Gutmenschenseligkeit verschleiert nur mühsam, dass die Strukturveränderung in
den wirklich wichtigen Fragen in eine umgekehrte Richtung ging. Längst haben
die Linken von damals und ihre strukturimmanenten Nachfolger ihre Prinzipien
von Kriegsverweigerung, Freiheit und sozialer Umgestaltung windschnittig den
Bedürfnissen der wirklich Mächtigen angepasst und damit den eigenen Anspruch
genau ins Gegenteil verkehrt.
Es gälte nun vielmehr, wenn wir
über demokratische Alternativen sprechen, genau die Strukturen zu verändern,
die von den großen Konzernen und einem intellektuellen Überbau definiert werden,
der einerseits noch nicht verstanden hat, dass der Kapitalismus alter Prägung
in der Phase der Globalisierung nicht mehr funktioniert, und andererseits sehr
wohl verstanden hat, dass er mit diversen ideologischen Ablenkungsmanövern
seinen Herren am besten dient. Eine solche Veränderung ist nicht
herbeizuwählen, weder über die Wahlen inkompetenter politischer Stellvertreter
des Volkes noch über eine virtuelle Wahlfreiheit des in Spezialfragen
notwendigerweise inkompetenten Volkes selber.
Die Strukturen, die stattdessen zu
verändern sind, müssen im täglichen Miteinander in einem mühsamen,
wahrheitssuchenden, selbst und andere qualifizierenden Austausch eines
quantitativ und qualitativ stetig wachsenden Pools von Informationen erkannt,
benannt und angegangen werden. Dies schließt ein, dass sich die Menschen sowohl
ihrer Bedürfnisse als auch der objektiven Erfordernisse bewusster werden und
wieder den Wert von Kooperation erkennen. Es schließt ein, dass auch moderater
Druck auf Unbelehrbare und Sozialparasiten ausgeübt wird, d.h. es bedeutet eine
Abkehr vom herrschenden bedingungslosen Toleranzprinzip. Es setzt voraus, dass
es der Gesellschaft gelingt, den neuen Anforderungen von Globalisierung und
überbordender Information geistig gerecht zu werden.
Dass meine Hoffnungen in dieser
Hinsicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht allzu üppig sprießen, möge man mir
verzeihen. Dennoch: Jeder löse sich, so gut er vermag, von scheinbaren Patentlösungen
und beginne vor seiner Tür, als Individuum Widerstand zu leisten. Wahlmöglichkeiten
hierzu gibt es nämlich keine.
Das Problem liegt meines Erachtens darin, daß sehr viele Verbraucher das Günstigste kaufen. Denn: Geiz ist geil. Was will man für Fleisch für den Preis von Hundefutter bekommen? Wie sollen die Verhaltnisse für die Tiere sein? Der Produzent stellt daher das Fleisch so billig wie möglich her, sonst ist er nicht konkurrenzfähig. Es braucht ein Umdenken der Verbraucher, ein höheres Qualitätsbewußtsein, meinetwegen bei doppelt so hohem Preis. Wenn niemand mehr dieses unter tierqäulerischen Bedingungen produzierte Fleisch kauft, ja dann werden die Produzenten ganz schnell reagieren. Und wenn jetzt das Argument kommt, daß Menschen in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen kein Fleisch mehr leisten können, so stimmt das nicht. Kauft man die halbe Menge, kostet es das Gleiche. Sehr viele Menschen sind krank, weil sie ZUVIEL und nicht weil sie zu wenig Fleisch essen.
AntwortenLöschenSie taugen alle nichts!
AntwortenLöschenWeder auf kommunaler Ebene ...
SPD, CDU, FDP und AfD in Herne gegen Aufhebung der Hartz-IV Sanktionspraxis des Jobcenters
https://aufgewachter.wordpress.com/2015/09/30/spd-cdu-fdp-und-afd-in-herne-gegen-aufhebung-der-hartz-iv-sanktionspraxis-des-jobcenters/
noch auf Bundesebene ...
Antrag auf Abschaffung der Hartz-IV Sanktionen im Bundestag schon wieder abgelehnt worden
https://aufgewachter.wordpress.com/2015/10/03/antrag-auf-abschaffung-der-hartz-iv-sanktionen-im-bundestag-schon-wieder-abgelehnt-worden/
Da kann man nur noch das Hartz-IV Erpressungssystem "Fördern und forden" mit folgenden Bewerbungsanschreiben ausknocken
Wie man sich richtig auf einen Vermittlungsvorschlag mit Rechtsfolgenbelehrung vom Jobcenter bewirbt / Richtig bewerben mit perfekter Bewerbung nach DIN 5008
https://aufgewachter.wordpress.com/2015/04/27/wie-man-sich-richtig-auf-einen-vermittlungsvorschlag-mit-rechtsfolgenbelehrung-vom-jobcenter-bewirbt-richtig-bewerben-mit-perfekter-bewerbung-nach-din-5008/