Konrad Kustos, der alte Spießer, hat einen Garten. In seinem Alter ist das sowieso gut so, und in einer Welt des Niedergangs ist es geradezu eine Überlebensnotwendigkeit, an einem solchen Ort Natürlichkeit und Normalität zu finden. In einem Garten versuchen keine Eierköpfe schlauer zu sein als die Natur - höchstens der Gärtner, und der sieht dann schon, was er davon hat. Kürzlich saßen nun diese zwei Gartenrotschwänze auf dem Pflaumenbaum und sangen so schön, wie sie aussahen: rote Brust, pechschwarzer Kopf mit einem großen weißen Fleck obendrauf. Bei jedem Tschilpen schüttelten sie ihre Körper, weil es eine war Lust zu leben. Dabei wussten sie nicht einmal, dass gute Menschen sie gerade zu Vögeln des Jahres erklärt hatten - was auch immer das bedeuten mag.
Ohne Scheu saßen sie da und ließen mich auf Griffweite heran. Hatte das mit dem Verlust des Paradieses etwa doch noch nicht stattgefunden? Da fiel mir auf, dass an der Schutzhülle der Terrassenmarkise eine Sicherungsschnur nach unten hing. Ordentlich, wie nur ein Konrad Kustos es sein kann, zog ich daran, um die Schleife neu zu binden. Doch die Schnur war auch ein Schicksalsfaden, an dem das Schicksal der Gartenrotschwänze hing: In Sekundenschnelle kam mir das Nest entgegen und mit ihm vier frisch geschlüpfte Vogelbabies.
Da lagen sie nun auf der eigentlich dem Frohsinn gewidmeten Terrasse, hatten ihr Leben eigentlich noch vor sich und tatsächlich hinter sich. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf - von „Schnell alles da oben wieder reinschieben und nichts ist passiert" bis zum „Wie konntest Du nur?". Es müsse doch einen Weg geben, dieses absolut Ungewollte wieder rückgängig zu machen. Doch evolutionäre Automatismen verhinderten jeden Plan. Wütend stürzten sich die Eltern auf mich, wollten mich in die Flucht schlagen, obwohl doch schon alles vorbei war. Perverserweise fühlte sich die Attacke dieser Federbälle wie ein sanftes Streicheln an. So trat ich dankbar die Flucht an, nicht vor Angst, sondern vor meiner Schuld.
Ihr dummen Vögel, dachte ich, wenn ihr nur reden und denken könntet, würden wir zusammen einen Plan schmieden, wie wir eure Kinder retten können. Zusammen ein schöneres Nest bauen, was nicht so dämlich unverankert in einer abschüssigen Plastikhülle steckt. Die Küken wieder reinsetzen und mit Läusen vom Holunder füttern. Und jede Katze verscheuchen, die sich auch nur in Sichtweite wagt.
Aber es gibt keine entwickelte Kommunikation mit Vögeln, selbst mit denen nicht, die reden können. Gibt es überhaupt eine zielführende Kommunikation? Etwa mit diesen schrägen Vögeln, die sich Mitmenschen nennen? Lassen die sich helfen? Kann man denen helfen? Und wenn man ihnen geholfen hat, können sie das überhaupt würdigen? Wahrscheinlich nehmen sie meine Hilfe und nennen mich hinterher einen Nestbeschmutzer.
Sagen wir mal so: Das Vogeldrama zeigt, wie wichtig eine solche Kommunikation ist. Wenn wir unsere Ängste und Prägungen beiseiteschieben können, können wir zusammenarbeiten. Nein, nicht wenn wir sie beiseiteschieben, sondern wenn wir ihnen im konstruktiven Gespräch auf die Schliche kommen und einen übergeordneten Konsens finden, der allen hilft. Aber auch, wenn wir herausfinden, welcher Überflieger nicht kommunizieren will, um im Schatten der Sprachlosigkeit seine Interessen gegen die der Schar durchzusetzen. Und wenn wir uns kommunikativ versichern, solchen Nesträubern den Vogel zu zeigen - oder die Harke (um im gärtnernden Bild zu bleiben).
Das hilft den Gartenrotschwänzen natürlich nicht weiter. Die Küken waren übrigens innerhalb von fünf Minuten tot. Die beste Kommunikation hätte ihnen nicht helfen können. Beinahe tröstlich. Und die Eltern singen weiter und sind immernoch schön.
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