Die katastrophale Berichterstattung der Medien über Katastrophen verschiebt unsere Wahrnehmung. Sie unterstellt, dass nur der Mensch dafür verantwortlich sein könne, wenn die Natur sich ausgerechnet jetzt so außer Rand und Band zeige. Ganz genau: In der Steinzeit wurde schließlich auch jedes menschliche Fehlverhalten zeitnah von einem Steinzeitgott mit Blitz oder Dürre bestraft, warum sollte das jetzt anders sein? Dass Menschen sich gegenüber der Größe der Natur zu wichtig nehmen und eine egozentrische Kausalität voraussetzen hat also nicht nur Tradition, sondern auch evolutionäre Wurzeln.
Das Neue an diesem neuen Schuldgefühl ist, dass es flächendeckend als berechtigt verkündet wird und dass ökonomische Interessen fatal auf eine kollektive Büßermentalität treffen. Natürlich ist es unerträglich, was der Mensch der Natur, ebenfalls seit der Steinzeit, antut. Brandrodung, Übernutzung, Kahlschlag, Ressourcenverschwendung. Ganze Völkerwanderungen wurden ausgelöst, weil Menschen auf der Suche nach Glück und Sicherheit ihre natürlichen Lebensbedingungen zerstörten.
Aber nun sollen große Naturereignisse wie Stürme und Überschwemmungen, am besten noch Vulkanausbrüche und Erdbeben, auf dieses fatale Wirken zurückzuführen sein? Solche Horrorszenarien mögen vielleicht teilweise als heilsame Warnungen gut gemeint sein, doch eine heilsarme Beleidigung des Intellekts sind sie alle.
Als wenn es früher nicht Katastrophen ganz anderen Kalibers gegeben hätte. 1900 zerstörte ein Hurrikan die texanische Stadt Galveston und hinterließ 8000 Tote. Anfang dieses Jahrhunderts folgten Erdbeben in San Franzisko (3000 Tote und 250 000 Obdachlose), in Messina mit folgendem Tsunami (83 000 Tote), Tokio und Yokohama (150.000 Tote und 1,5 Millionen Obdachlose). Bei einem Tornado in den USA 1925 kamen 2000 Menschen ums Leben. Und so geht es weiter durch das Jahrhundert – auch noch ohne Klimawandel und Gottlosigkeit.
Aber nun sollen große Naturereignisse wie Stürme und Überschwemmungen, am besten noch Vulkanausbrüche und Erdbeben, auf dieses fatale Wirken zurückzuführen sein? Solche Horrorszenarien mögen vielleicht teilweise als heilsame Warnungen gut gemeint sein, doch eine heilsarme Beleidigung des Intellekts sind sie alle.
Als wenn es früher nicht Katastrophen ganz anderen Kalibers gegeben hätte. 1900 zerstörte ein Hurrikan die texanische Stadt Galveston und hinterließ 8000 Tote. Anfang dieses Jahrhunderts folgten Erdbeben in San Franzisko (3000 Tote und 250 000 Obdachlose), in Messina mit folgendem Tsunami (83 000 Tote), Tokio und Yokohama (150.000 Tote und 1,5 Millionen Obdachlose). Bei einem Tornado in den USA 1925 kamen 2000 Menschen ums Leben. Und so geht es weiter durch das Jahrhundert – auch noch ohne Klimawandel und Gottlosigkeit.
Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts habe sich aber die Anzahl der Naturkatastrophen verdoppelt und der daraus entstandene Schaden verfünffacht, meldet nun das Internet. Donnerwetter, deutliche Zahlen, aber wo kommen sie her? Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft, weltgrößter Versicherer von Versicherungen, ist überall aktiv, Katastrophen und Klimawandel herbeizureden, und finanziert entsprechende Szenarien in großem Maßstab. Kein Wunder, denn die Ängste der Menschen und auch der durch das Katastrophengerede verunsicherten Versicherungsmanager füllen ihre Kassen.
Eine christliche Katastrophenstatistik-Seite im Internet meint ergänzend: „Ein weiteres deutliches Indiz für die Klimaveränderung sind vor allem die seit einigen Jahren fast regelmäßig wiederkehrenden Hochwasserkatastrophen in Mitteleuropa.“ Ja, wir erinnern uns an die Mulde, die Elbe, die Oder, und wir erinnern uns auch an New Orleans: Überall dort kam es zu Tragödien, weil Menschen gesiedelt haben, wo so etwas früher oder später passieren musste, nämlich in von der Natur als Überschwemmungsland „vorgesehenen“ Gebieten. Insofern ist der Mensch tatsächlich Verursacher der Katastrophen, aber nicht indem er die Naturereignisse verschuldet, sondern indem er diesen Gelegenheit gibt, fatale Schäden anzurichten.
Das Ausmaß beziehungsweise die statistische Relevanz dieser Vorfälle wird von den Kassandraten gemessen an Toten und Sachschaden. Wahlweise zitieren die Zeitungen dann für Entwicklungsländer die Menschenopfer und in wohlhabenden Ländern die Sachschäden – umgekehrt sieht das nämlich in der Regel schon viel harmloser aus. Bei uns kann eben viel mehr als früher kaputtgehen, während dort, der Überbevölkerung geschuldet, immer mehr Menschen in gefährlichen Gebieten siedeln.
Einigermaßen verlässliche Messungen bei Stürmen gibt es erst seit den 60er-Jahren, weil früher den Meteorologen öfter mal das Messgerät vom Wind weggeblasen wurde. Immerhin stehen statistisch bei Hurrikanen der Stärke 5 tatsächlich für die Jahre 2000 bis 2010 rekordverdächtige acht Stück in den Büchern. Aber wenn man nach vergleichbaren Werten sucht, sind es gerade die 60er mit auch schon sechs, dazwischen (3/3/2) war es ziemlich ruhig. Das zeigt also keine Tendenz, sondern ist eine statistische, zufällige Häufung, die aber großartig ausgeschlachtet wurde. Würde man jetzt die Jahre zwischen 2004 und 2007 (7), sowie 2008 und 2011 (0) vergleichen, könnte man auch titeln: „Hurrikane von der Erde verschwunden“.
Aber auch an diesen Zahlen wird gedreht. Wetteraufzeichner nehmen sich schon mal die Freiheit, die Kriterien für Sturmstärken zu ändern, damit die Schaubilder schöner aussehen. Doch liegen der Verzerrung unserer Wahrnehmung nicht nur gehässlichte Daten zugrunde, sondern auch unsere subjektiven Erfahrungen. Fast täglich gibt es in der Tagesschau nach den üblichen Merkel-Katastrophen noch eine Naturkatastrophe zur Entspannung nachgereicht. Früher gab es dazu kein Bildmaterial, jetzt ist bei jedem Geschehen ein Privatmensch mit Aufzeichnungsgerät in der Nähe, dessen Bilder er dann an die Medien versilbert. Und früher hörten die Leute Radio, und da sind Flutwellen lange nicht so spannend.
Wer weiß schon noch, dass 1975 ein Taifun einen chinesischen Staudamm sprengte und die folgende Flutwelle weitere 62 Staudämme zerstörte? Wer erinnert sich an die 231 000 Toten? Sehr gut wissen wir stattdessen noch über den Hurrikan Andrew von 1992 Bescheid, der schon im Medienzeitalter blies. Ratet mal die Zahl der Toten? Rund 50.
Oder mal anders ausgedrückt: 2004 starben 230 000 Menschen in Asien bei einem Tsunami, weil die Küsten zu dicht besiedelt sind. Warum ist dieses Ereignis wohl in unserem Bewusstsein untrennbar mit Thailand verbunden, obwohl der Schaden dort mit 8000 Toten gegenüber den Nachbarländern verhältnismäßig gering war? Weil aus dem Urlaubsland viele Touristen mit ihren Videokameras nachhaltige Bilder liefern konnten.
Angesichts solcher medialen Verwir(r)belungen stimmt nur eines hoffnungsvoll: Als Welt online 2010 schon im November das Rekordjahr der Naturkatastrophen ausrief und nicht einmal versuchte, nachvollziehbare Zahlen oder Fakten dazu zu liefern, gab es in den Leserkommentaren eine durchgängige und massenhafte Empörung über die Verdrehung der Realitäten. Die Leser bewiesen mit kritischen Analysen des Textes und seiner Methoden Kompetenz und Sensibilität. Zum Glück scheint von den Stürmen im Wasserglas beim Mediennutzer oft nur ein laues Lüftchen anzukommen.
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