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Sonntag, 19. Juni 2011

Unlahme Langsamkeit

Bisher sind in diesem Blog Phänomene beschrieben und hoffentlich einigermaßen erfolgreich entzaubert worden, die als Teilmengen des Niedergangs gelten können. Es galt, wie in meinem Buch „Chaos mit System", den Blick für die alltäglichen Absurditäten zu schärfen. Heute soll es mal andersrum sein: Es gibt schließlich auch solche Phänomene, die dem Niedergang Paroli bieten, und über die zu reden, dürfte den Blick gleichermaßen schärfen. Beispielsweise gibt es gesellschaftliche Strukturen, die noch funktionieren, nützliche Technologien, die sich weiterentwickeln und Rudimente von Sozialverhalten. Ansonsten wäre ja auch nicht „bloß" der Niedergang zu beklagen, sondern der bereits vollzogene Untergang.
Beginnen wir diesmal mit der Langsamkeit als einem zu erhaltenden Wert.
Der Niedergang hält uns ja unter anderem deshalb im Griff, weil wir schneller leben und schneller denken, als es uns gut tut. Und das tun wir, weil die Welt sich schneller bewegt, als wir mit unseren Steinzeitgehirnen jemals nachvollziehen könnten. Wir rennen hilflos hinter der Entwicklung her wie die Atmosphäre dem rotierenden Planeten folgt, nur dass bei uns der Rückstand immer größer wird.
Henry David Thoreau hat mit „Walden" schon vor 160 Jahren beschrieben, dass das schnelle Leben uns des Lebens selbst, ja unserer Menschlichkeit beraubt. Nicht derart programmatisch, sondern vielmehr sinnlich liefert jetzt ein Berliner Schriftsteller den Beweis, wie ergötzlich Langsamkeit sein kann. Dabei mutet der Titel des Kurzromans von Frank Böhmert fast hektisch an: „Bloß weg hier" heißt die im jungen Golkonda-Verlag erschienene Geschichte zweier Kinder im West-Berlin von 1973. Doch statt hektisch dem Ort zu fliehen, verharren die beiden elfjährigen Jungs eben gerade an wenigen Orten und eben gerade in ihren ganz privaten Umständen.
In teilweise wohlig-quälender Langsamkeit finden sie dabei zu sich und zu den ihr Leben bestimmenden Strukturen. Das ist langsam, aber nie langweilig. Dass es so spannend zu lesen ist und mit jeder Seite spannender wird, liegt an der Böhmertschen Schreibkunst, aber auch daran, dass wir nicht von Aktion zu Aktion gehetzt werden, sondern der Erzählung die Zeit gegeben wird, sich in unserem Kopf breitzumachen.
Ganz nebenbei wird der Roman auch für den Leser, der die wilden 70er noch miterleben durfte, zu einer persönlichen Zeitreise. Dabei geht es aber weniger um die Geschehnisse und Requisiten, sondern um etwas viel Realeres, aber unerhört Flüchtiges: unsere Gefühlswelt von damals. Und deshalb werden sich selbst jüngere Leser in der Geschichte von Olli und Bernd wiederfinden können.
Das Buch metaprogrammiert uns während des Lesens. Wir merken mehr und mehr, dass wir nicht schneller am Ziel ankommen, wenn wir schneller lesen, sondern wenn wir innehalten, und mit Olli und Bernd in einen inneren Dialog treten, wenn wir uns die Zeit nehmen, unsere eigene Geschichte dazuzuspinnen. Wir lernen, dass weniger mehr ist, dass uns diese innere Ruhe so sehr gefehlt hat.
Natürlich ist das Buch irgendwann zu Ende, und die Mechanismen und Versuchungen des Lebens im Fast-Forward-Modus nehmen uns wieder gefangen. Aber die Saat des Zweifels ist gesät, und der Kern des Widerstands hat sich erfolgreich verkapselt. So gesehen ist dieser wunderbare sanfte und zärtliche Roman auf der Metaebene etwas gänzlich Unerwartetes: Er ist revolutionär.

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