Es gibt eine neue Fettecke! Die
alte war ja schon 1986 einer putzenden Kulturbolschewistin zum Opfer gefallen.
40.000 Mark musste damals, als ein gesunder Menschenverstand fünf Kilo zum
Kunstwerk deklarierte ranzige Butter entsorgt hatte, das Land
Nordrhein-Westfalen in zweiter Instanz an den geistigen Erben der deutschen
Nachkriegskunstinstanz, Joseph
Heinrich Beuys, bezahlen.
Weil Künstler bekanntlich kreativ
sind, ist die neue Ecke nun keine Ecke mehr und auch nicht aus Fett, sondern
eine verkalkte Plastikwanne. Aber entsorgt wurde sie inzwischen dennoch, erneut
von hochmotiviertem Raumpflegepersonal, diesmal nicht in Düsseldorf, sondern in
Dortmund, nicht weit von Bielefeld. Der offensichtlichste Unterschied zwischen
Fett und Kalk ist in jedem Falle der Preis: Diesmal soll die Versicherung mit
800.000 Euro dran glauben. Selber schuld: Wer versichert auch sowas!
Wir lernen jedenfalls, dass manche
Kunst vielleicht nicht schöner oder eindrucksvoller, aber immer wertvoller
wird. Das passt in die Gesellschaft des Niedergangs, welche Substanz durch
Virtualität ersetzt. Man denke nur an die angesichts des realen Verfalls für
dessen Vertuschung höchst notwendigen Parolen von der blühenden
Servicegesellschaft, oder der Qualifikation von Vorgesetzten oder an die
Milliarden, die in die Aufrechterhaltung des kaputten Euro-Systems gepumpt
werden. Virtualität kennt keine Grenzen.
Auffällig, mit welcher Häme quer
durch alle Medien nun dieser Akt des Unverständnisses gegenüber dem Schaffen
moderner Kunst kommentiert wurde. Die eher zwischen den Zeilen angesiedelte
Häme richtet sich in diesem Fall gegen einen längst toten „Jungen Wilden“, aber
wohl auch gegen das Selbstverständnis der Künstlerelite an sich. Eigentlich
merkwürdig, wo die Medien doch sonst jede politische und intellektuelle
Verstiegenheit als Wahrheit abfeiern, wenn sie dadurch Erfolgreiches noch
erfolgreicher machen können. Vielleicht hatte in diesem Fall Martin
Kippenberger das Toleranzmaß einfach überzogen?
Um im Kunstbetrieb noch überziehen
zu können, muss man sich allerdings mächtig anstrengen. Der eine stellt schwarze
Flächen aus, der andere weiße, und beide geben dem Nichts dann immer neue
klangvolle Namen. Andere propagieren die „Ästhetik des Hässlichen“ oder
erklären Alltägliches einfach zu Kunst, weil vorher eben noch keiner auf diese
Idee gekommen ist oder die Dreistigkeit besaß. Der Gedanke, dass Kunst auch
etwas mit Können zu tun haben könnte, ist in der Avantgarde längst verpönt.
Kein Wunder also, dass das
Dortmunder Kunstwerk einer tropfenden Decke nun ohne die Kalkflecken in der
frisch geputzten Plastikwanne nach Aussage der Berufenen nie wieder
rekonstruiert werden kann, obwohl diese Wanne nur den kleinsten Teil der
Installation einnimmt. Die Anordnung der Kalkflecken also macht dem Anschein
nach das Kunstwerk aus, wahrscheinlich, weil sie der Künstler dank seiner
kosmischen Inspirationen und unter unsäglichen Entbehrungen Stück für Stück
dort angebracht hat.
Das ist die eigentliche Arroganz in
diesem Fall. Bei Kunst geht es doch um die inspirierte und gekonnte
Sichtbarmachung von Unsichtbarem. Es geht also um Transzendenz und die
Kommunikation mit dem Betrachter. Das kann auch über Provokation und sinnliche
Verunsicherung geschehen, obwohl das in der Regel ein eher simpler Weg zur
Erkenntnis ist. Doch wenn es hier mehr um die Idee als die Ausführung geht, warum
sind dann ein paar Kalkflecken nicht ersetzbar? In der Architektur
beispielsweise gilt der Entwurf als das Kunstwerk, so dass ein Gebäude bei
Vorliegen der Pläne und Kenntnis der materiellen Bestandteile als unbegrenzt
oft wiederherstellbar gilt.
Es stellt sich beinahe die Frage,
ob dies nicht ein wunderbares Mittel der Geldvermehrung darstellt (vom
Popularitätsgewinn mal ganz zu schweigen), einer Putzfrau 100 Euro zuzustecken,
damit man mit 800.000 Euro nach Hause gehen kann. Immerhin war das „Kunstwerk“
deutlich gesichert und dem Personal waren angeblich die Vorschriften, nichts
als Kunst Markiertes, anzufassen, zur Kenntnis gebracht. Das braucht uns aber
nicht zu interessieren, höchstens die grundsätzliche Frage, ob man des Kaisers
neue Kleider überhaupt versichern kann?
Die Kunstliebhaber oder die, die
sich als solche bezeichnen, sollten mal darüber nachsinnen, warum solche
Instruktionen an das Personal überhaupt nötig sind. Warum sich die Kunst so
weit vom Volk entfernt hat, dass kein Verständnis mehr vorhanden ist und kein
Funke mehr überspringt. Und da es vermutlich zu der selbstkritischen Frage
nicht kommt, ist hier immerhin eine (Teil-)Antwort: Gewissen, etablierten Teilen
der Kunstproduktion scheint der Versuch gemein, sich von der dem Menschen
innewohnenden natürlichen Ästhetik, die sich über Äonen in biologischer und
sozialer Evolution entwickelt hat, zu distanzieren. Es geht stattdessen darum
aufzufallen, Intellekt über Gefühl und Intuition zu stellen sowie sich
ausdrücklich über das Empfinden normaler Menschen zu erheben.
Das führt dann schon mal dazu, dass
diese Menschen sich bewusst oder eben meist unbewusst wehren - und nicht nur
Putzfrauen, wobei die natürlich die besten Hebel haben. Beispielsweise war die Bauhaus-Wiege
Dessau die Stadt, in der die Nazis als erste die Macht übernehmen konnten, weil
die Dessauer einfach die Schnauze davon voll hatten, wie verkopfte Spießer ihr
Lebensumfeld mit menschenfeindlicher Architektur zubauen durften.
So gesehen haben Künstler, bei
aller Notwendigkeit, neue Wege zu erkunden, auch eine Verantwortung gegenüber
dem Kunstrezipienten und der Gesellschaft. Viele Künstler spüren aber vielmehr
einen Drang, sich stattdessen vor Kritikern zu verantworten. Kritiker, die sich
ebenfalls in einer abgehobenen Parallelgesellschaft etabliert haben und die sich
von den Künstlern nur in der Unfähigkeit, überhaupt etwas Kreatives zu
produzieren, unterscheiden, nicht jedoch in der Verwirrtheit der
Weltwahrnehmung.
„Künstlerisch können Zahnpasta und
Silber die gleiche Funktion haben und von daher auch dieselbe Qualität“, gab zu
dem Thema ein Beuys-Sammler zum besten, eine Aussage, die die Rohstoffmärkte
zum Erzittern gebracht hätte, wäre die Kunst dieser selbsternannten Avantgarde
nicht längst im Hyperraum der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
Es ist ein bisschen so wie mit dem
Marktwerten von Fußballspielern: Da können auf transfermarkt.de
tolldreist hohe Summen stehen, doch wenn es keinen Käufer gibt, bleibt das
Theorie. Und wenn dann doch für einen Kun Aguero 45.000.000 Euro bezahlt werden
und er dann nach vier Champions-League-Spielen für Manchester City ein ganzes
Tor bei null Vorlagen vorweist, ist das wohl klassisches Künstler-Pech.
In der Kunst gibt es ja dann
wenigstens die Sammler, die bewusst und gerne jeden Schrott kaufen, weil dessen
Wert steigen könnte, solange die Kritiker ihn nur laut genug hochjubeln. Oder
wenn eine Putzfrau ihn aus dem Museum entfernt. Dann zahlt ja die Versicherung,
und so ist alles wieder in Butter.
Danke...hab Bauchweh vor lachen! :-D
AntwortenLöschenIch auch!
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