Bestimmte Dinge, die in den letzten Jahren passieren, scheinen
sinnlos und gegen alles gerichtet, was sich die entwickelten Gesellschaften
über Jahrhunderte aufgebaut haben. Die gesamte Mittelmeerregion wurde politisch
destabilisiert und teilweise in archaische Zustände gestürzt („Arabischer
Frühling“), der entwickelte Sozialstaat Deutschland wird mehr und mehr zum
postkapitalistischen Schlachtfeld („Agenda 2010“), weltweit werden
Flüchtlingsströme in Bewegung gesetzt, Russland wird aus der internationalen
Staatengemeinschaft ausgegrenzt und zum Gegner eines neuen „gerechten“ Krieges
aufgebaut u.s.w.
Das kann man auch in kleinerem Maßstab durchdeklinieren.
Wenn in Österreich in demokratischen Wahlen eine konservative Partei gewinnt,
spricht die EU ein Handelsembargo aus. Wenn in der Schweiz eine Volksabstimmung
eine Begrenzung der Einwanderung fordert, fliegt die Schweiz noch vor der
Umsetzung des Beschlusses aus diversen europäischen Kooperationen. Wenn ein
Deutscher in die USA einwandern möchte, steht er vor praktisch unlösbaren
Schwierigkeiten, ganz im Gegensatz zu Millionen illegalen Einwanderern aus
Lateinamerika, die schlagartig mit einem präsidialen Federstrich legalisiert
werden. Dafür können dann Maschinen stillgelegt werden, weil sie sich
angesichts verfügbarer billiger Arbeitskraft nicht mehr rentieren.
Alles was passiert, ist natürlich, wenn man denen glaubt,
die es angezettelt haben, im Dienst der guten Sache, der Humanität
und der Gleichheit. So nennt sich die Troika der neuen, windschnittigen Moral,
die deshalb so populär ist, weil sie für Phrasen steht und nicht für echte
Werte. Mit humanistischen Phrasen kann
man die Leute ködern, wohl auch deshalb, weil es auch für jene einfacher ist,
ihre Moralbedürfnisse auf abstrakte Werte zu projizieren als es im täglichen
Miteinander anzuwenden.
So verbinden sich die Interessen des Postkapitalismus und in
dessen Fahrwasser auch des überlebenden degenerierten Kapitalismus auf
wundersame Weise mit den psychologischen Bedürfnissen der Menschen in einer
Niedergangsgesellschaft. Unter der Ägide von Dekadenz, Individualismus und
Virtualität, wo jeder der objektive Feind des anderen ist, macht es sich prima,
Menschenfreundlichkeit gleichermaßen als Schutzschild und als Werbebanner vor sich
her zu schieben.
Die momentane Flüchtlingsbewegung eignet sich für eine
solche Demonstration individueller Moralität deshalb so gut, weil sie das
Individuum, besonders die lautesten Schreihälse mit Wohnsitz an der Elbchaussee
oder im Prenzlauer Berg, vorerst wenig selbst tangiert und die Lasten vom
Gemeinwesen getragen werden. Eine klassische Win-win-Situation des Niedergangs:
‚Es bringt mir was, und kostet mich persönlich nichts’.
Wenn wir schon bei der Psychologie sind: Migration macht
auch den Herrschenden das Leben leichter. Sie verwässert aus vielen hier schon
genannten Gründen nicht nur den Widerstand der souveränen Bürger, die an einer
Solidargesellschaft festhalten wollen, sondern sie schafft auch neue, willige
Untertanen und damit neue Bestätigung für die ob ihrer unterbewusst sehr wohl wahrgenommenen
eigenen Defizite und Abhängigkeiten massiv verunsicherten Politiker. Da gibt es
nämlich plötzlich Leute, die aufgrund ihrer
Entwurzelung noch verunsicherter sind als die, die das alles angerichtet haben.
Das funktioniert natürlich nicht auf Dauer, aber welcher Führer des Niedergangs
hat schon das Wort „dauerhaft“ in seinem Sprachschatz?
Gleichzeitig kann damit das Volk nicht mehr geschlossen
seine Interessen gegen die Herrschenden vertreten, weil es nun konkurrierende
Volksgruppen gibt, die gegeneinander ausgespielt werden können. Die medialen
Sprachrohre des sich konstituierenden neuen Systems fordern längst ein
zügigeres Überbordwerfen alter Werte und Übereinkünfte. Beispielsweise ist für
den Berliner Tagesspiegel die AfD verabscheuungswürdig, weil sie „den
Nationalstaat alter Prägung wiederbeleben“ wolle. Das Gesundheitssystem müsse
aus seiner sozialen Verantwortung gelöst werden, und „eine praxisorientierte
Politik darf auch aus … einer legalen Einwanderung aus Staaten außerhalb der EU
kein Tabu machen.“
Es ist schon faszinierend, wie nahtlos Medien und Politik im
Interesse ihrer Zahlmeister zusammenarbeiten. Wenn aber das weltweit agierende
Kapital die Triebfeder ist, zeigt das auch, wie kurz deren Strategen oder deren
Unterbewusstsein oder deren Intuition eben planen. Eine Wirtschaft, die im 21.
Jahrhundert mit Unausgebildeten und Sprachunkundigen überleben will, ist eine
lachhafte Vorstellung. Auch hier, wie bei ganz normalen
Unternehmensneustrukturierungen mit Entlassungen und Billiglohnarbeitern, wird
einfach auf den schnellen Profit gesetzt und jedwede Nachhaltigkeit ignoriert.
Im übrigen ist das ein weltweiter Prozess und kein deutsches
Alleinstellungsmerkmal.
Aber zurück zum Alltag des Einwanderungslands Deutschland: Die
Alteingesessenen, die mit ihren Werten und Fähigkeiten zusammen mit dem
kulturellen Erbe des Landes die Nation verkörpern, spüren durchaus, dass die
Masse der Migrierenden hinsichtlich ihres kulturellen Hintergrunds, der
Ausbildung und ihrer Sprachkenntnisse die über Jahrhunderte gewachsenen
deutschen Qualitätsstandards im besseren Fall verwässern und im schlechteren
zerstören wird. Dieses reale Unbehagen gilt es seitens der Herrschenden zu
tilgen und gegen den Stolz auf die eigene virtuelle Menschenfreundlichkeit
auszutauschen. So können sie die selbstgemachten Probleme unter einer humanistischen
Kuscheldecke verstecken.
Damit erklärt sich auch, warum in den letzten Jahren genau
diejenigen, die nach ihrer Selbsteinschätzung für das Gute und die
Menschlichkeit eintreten, so gut wie immer auf der zerstörerischen Seite, also
der des Niedergangs, standen: Toleranz gegenüber Verbrechern steht über dem
Opferschutz, eine ganze Weltregion wird durch den sogenannten Arabischen
Frühling destabilisiert, aus dem postkapitalistischen Griff nach der Ukraine
wird ein dies verursachendes imperialistisches Russland uminterpretiert,
Demokratie wird zum „Schutz“ von Migranten abgebaut und eine zu große Menge
Flüchtlinge wird auf Kosten der Stabilität des eigenen Landes
willkommengeheißen.
Und hier schließt sich der Kreis zwischen gut gemeint und
schlecht gemacht, zwischen behaupteter Menschenfreundlichkeit und Unterstützung
einer immer destruktiver und undemokratischer agierenden Herrschaft. Das zeigt
sich, wenn die Grünen zum Geburtshelfer der Agenda 2010 werden oder deutsche
Militäreinsätze fordern oder wenn die Linke mit ihrer Forcierung der
Masseneinwanderung die Sozialsysteme untergräbt. Weil es uns so schwer fällt,
diesen Verrat an der eigenen Klientel zu glauben, gelingt es ihnen, die
Interessen des Postkapitals effektiver zu vertreten, als es die Bürgerlichen
oder die Rechten je vermocht hätten.
Diese Opfer der Einflüsterungen des Postkapitalismus, in
Ermangelung eines besseren Begriffs meistens Gutmenschen genannt, brauchen ihre
Ideologien zur Stabilisierung ihrer eigenen verunsicherten Persönlichkeit, und
deshalb gibt es da auch keine Lerneffekte, die sich an der Realität orientieren
würden. Sie wollen es so, sie brauchen es so. Die Spirale aus Realitätsleugnung
und Fanatismus wird dabei nicht auf heutigem Niveau stehenbleiben, denn die so
initiierte Einbuße an gesellschaftlichem Leistungsvermögen wird nur durch
weitere Verdrängung der Wirklichkeit und zusätzliche Feindbilder von
Andersdenkenden kompensiert werden können. So werden aus solchen Migrationsbilligern
schließlich Migrationsprofiteure. Clevere Herrschaften belohnen ihre
Gefolgsleute, und wenn es nur durch einen Mechanismus der Selbstbestätigung
ist.
Aus billigen Argumenten werden dann aber teure Schäden. Man
denke nur an die gerade in Arbeit befindliche „Willkommenskultur“, die mit
Sicherheit bewirken wird, dass die angeblich damit angesprochenen
qualifizierten Einwanderer sich entsetzt vom Chaos einer massenhaften
Armutsmigration abwenden werden.
Wer sich manipulieren lässt, verliert seine Freiheit in dem
Maße, in dem er glaubt, sie zu gewinnen. Verlust von Freiheit bedeutet den
Verlust der eigenen Meinung, der Fähigkeit zur Information, der Möglichkeit des
Handelns und der Wahlfähigkeit zu einer freiheitlichen und selbstbestimmten
Existenz. Als kollektives Phänomen schließlich bedeutet es den Verlust der
Meinungsfreiheit, der Verfügbarkeit von wahrer Information, der Rechtmäßigkeit
demokratischen Widerstands und der Auswahlmöglichkeiten für eine
selbstbestimmte Existenz.
All dies widerspricht dem demokratischen Gedanken, und der
reicht immer noch weit über die Möglichkeit von periodischen Wahlen hinaus.
Deshalb ist die gegenwärtige Politik schlicht und einfach gegen das Volk und
gegen den Geist der Verfassung gerichtet, und aus dem Gesagten geht auch
bedauernswerterweise hervor, dass dagegen wohl kein Widerstand möglich ist.
Normalerweise würde sich beispielsweise in einem
funktionierenden Parteiensystem fast jede Partei gierig auf die potentiellen
Wähler stürzen, die Schwierigkeiten mit dem Einwanderungsstrom haben, und man
würde zumindest vorgeben, sich ihrer annehmen zu wollen. Stattdessen artikuliert
das postdemokratische Parteienbündnis mit einer Stimme Hass und Verachtung
gegen die, die es vertreten sollte.
Die neuen Herren haben ihre Parteien also schon so gut
konditioniert, dass sie nicht mal mehr ihren originären Reflexen nachgeben
können. Was dem Bürger bleibt, ist, sich entweder auf Demonstrationen
diskriminieren zu lassen oder demonstrativ den Wahlen fernzubleiben. Das ist
der letzte mögliche Ausdruck eines freien Volkswillens, und immerhin: Die
Wahlbeteiligung der Deutschen befindet sich im Bund und den Ländern seit
Jahrzehnten im Sinkflug. Bis Mitte der 80er-Jahre gingen noch etwa 90% der
Bürger zur Bundestagswahl. 2013 waren es fast 20% weniger. Nur 27% der Befragten haben über mehrere Monate hinweg eine
Bundestagsdebatte im Radio oder Fernsehen verfolgt. Im Vergleich zur Mitte der
80er-Jahre ist dies ein Rückgang um rund die Hälfte. Bei den 16- bis 29-Jährigen hatten nur 38% überhaupt eine
Vorstellung von der Zusammensetzung des Parlaments. Die parlamentarische Demokratie hat vielleicht nie wirklich gut
funktioniert - jetzt ist sie am Ende. Das ist insofern ein Erfolg, als es dafür
steht, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr willenloser Zuschauer
des Illusionstheaters ist. Was kommt danach?
Tja, was kommt danach? Etwas, das niemandem von uns gefallen wird; etwas, von dem ich glaube und fürchte, dass es sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Wir werden sehen. Ansonsten gut und scharfsinnig geschrieben.
AntwortenLöschenWir müssen im Sinne unserer Kinder handeln. Wir werden im Sinne unserer Kinder handeln. Sobald die gutmenschliche Schunkelstimmung der Deutschen in offene Konflikte gekippt ist, werden die Verantwortlichen das Laufen lernen müssen!
AntwortenLöschenEU bedeutet Tyrannei, Diktatur, Vorschriften ohne Ende, Bürokratie, Entrechtung, Entdemokratisierung.
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