In Zeiten der
täglichen Rückschläge für Freiheit und Demokratie und des gegenläufigen Erstarkens
von Realitätsflucht und Pseudohumanismus
erscheint jede gegenläufige Nachricht wie ein Zusammenfallen von Weihnachten
und Lottogewinn. Doch was die Antifa-Sektion von „Conne-Island“, eines selbstorganisierten Jugendtreffs in
Leipzig, kürzlich ins Netz stellte, ist mehr als das: Es ist die Wiedergeburt der Wirklichkeit im
Herzen der Finsternis. Während das deutsche Milieu der Selbstdarstellungswohltäter
sehnsüchtig auf neue Flüchtlinge wartet, die mit Teddybären beworfen werden
können, haben die Genossen aus der Antifahochburg Leipzig-Connewitz am eigenen
Leibe die Problematik eines ungesteuerten Kulturtransfers erfahren, schließlich
gegengesteuert und die für sie sicherlich besonders schmerzlichen Erkenntnisse zur
Diskussion gestellt. Wenn man weiß, wie lapidar in diesen Kreisen normalerweise
ideologische Virtualität an die Stelle der Realität gesetzt wird und wie dort
Abweichlern der moralisch-ideologische Prozess gemacht wird, ist hier höchster
Respekt zu zollen.
Natürlich kann dies
alles auch so verstanden werden, dass die Probleme eben nun so groß geworden
sind, dass sie auch von den Zauberlehrlingen, die sie erst riefen, nicht mehr
ignoriert werden können. Doch dies griffe zu kurz, wie man allein aus der
zornigen Diktion der Connewitzer Stellungnahme erkennt. Hier haben, so erkennt
der Leser, die bisher rundum von sozialer Verantwortung freigestellten
Migranten überrissen und sich echte Feinde gemacht, die nun zum Widerstand
gegen physische, emotionale und materielle Bereicherung bereit scheinen. Wir
werden beobachten, wie und ob sich die Sache weiterentwickelt. Und nun der
Originaltext, lesefreundlich geringfügig gekürzt, ohne dabei den Charakter der
Schrift zu verändern:
„Während im Sommer 2015 am Münchner Hauptbahnhof
Bürger_innen Kuchen und Kuscheltiere an ankommende Geflüchtete verteilten,
besann sich der sächsische Mob der neunziger Jahre und machte verbale und
körperliche Übergriffe auf Migrant_innen und deren Unterkünfte wieder zur
Normalität. Als Konsequenz dieser Entwicklungen beschloss das Conne
Island-Plenum, sich der ‚Welle der Willkommenskultur‘ anzuschließen und den
Laden aktiv für Geflüchtete zu öffnen, … Das fühlte sich gut an – schließlich
wollten wir nicht hinter der sich vor Hilfsbereitschaft überschlagenden
Zivilgesellschaft zurückstehen. … Daher blendeten wir übergangsweise aus, dass
insbesondere der quasi kostenlose Eintritt zu allen Veranstaltungen auch
diverse Fallstricke barg.
Gemeinsam zu feiern und im Zuge dessen wie von selbst eine
Integration junger Geflüchteter im Conne Island zu erreichen, stellte sich als
recht naiver Plan heraus. … Da diese
Einsicht reichlich spät kam, hatten wir seither einige Auseinandersetzungen und
brenzlige Situationen auszustehen.
Gruppen umherziehender Männer gehören wohl zu den
meistgehassten und unter Umständen -gefürchteten Menschengruppen vieler Frauen,
Lesben, Schwulen und Transgender auf der ganzen Welt. Egal ob die Betreffenden
Syrer, Connewitzer, Ghanaer, Eilenburger, Leutzscher oder Russen sind (Diese
Schrumpfung des Konfliktpotenzials auf
ein Problem mit Männern an sich ist ein halbherziger Versuch, Distanz zu bürgerlichen
Kritikern von Migrantenverhalten zu schaffen, wie sich im weiteren Text schnell
herausstellen wird. KK) … Es kommt zu sexistischen Kommentaren – egal ob
abfällig oder vermeintlich bewundernd – und nicht selten auch zu
Handgreiflichkeiten gegenüber Frauen, die ihren Weg kreuzen. Gesellen sich zu
Selbstüberschätzung und mangelhaftem Sozialverhalten dann noch Alkohol und/oder
andere Drogen, laute Musik und die unübersichtliche Situation im Club, wird für
Frauen der ausgelassene Tanzabend schnell zum Spießrutenlauf. Wer bereits die
Erfahrung einer ungewollten Berührung im Schritt oder eines umzingelnden,
penetranten Antanzversuchs gemacht hat, überlegt sich plötzlich zweimal, ob ein
Samstagabend mit Netflix nicht sinnvoller ist, als sich mit aufdringlichen
Blicken, Sprüchen und Gegrapsche auseinanderzusetzen. …
Die stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in
einigen Herkunftsländern Geflüchteter und die Freizügigkeit der westlichen
(Feier-)Kultur bilden auch bei uns mitunter eine explosive Mischung.
Sexistische Anmachen und körperliche Übergriffe sind in diesem Zusammenhang im
Conne Island und in anderen Clubs vermehrt aufgetreten – auch mit der
Konsequenz, dass weibliche Gäste auf Besuche verzichten, um Übergriffen und
Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Hierbei müssen wir uns ganz klar die
Frage stellen, ob wir uns als Plenum ausreichend solidarisch mit den
Betroffenen gezeigt … haben.
Aufgefallen ist außerdem der Missbrauch des
„Refugees-Fuffzigers“ (ermäßigter
Eintritt, KK) durch junge Männer mit Migrationshintergrund, die in größeren
Gruppen insbesondere Tanzveranstaltungen am Wochenende besuchen und den
geringen Eintritt gern bezahlen um dort für Stress zu sorgen. Eine
Statuskontrolle der Personen am Einlass ist jedoch in den seltensten Fällen
möglich und von unserer Seite auch nicht gewünscht.
Unsicherheit des Secu-Personals im Umgang mit Migranten aufgrund
von Sprachbarrieren und Angst vor einem ungerechtfertigten Rassismusvorwurf
erschwerten einige Male die Lösung von Konflikten bei Veranstaltungen. Dabei
erlebten wir teilweise eine neue Qualität der Vorfälle - meist unabhängig von
der Besucher_innenzahl und der Art der Veranstaltung. Entgegen unseres üblichen
Vorgehens musste beispielsweise in mehr als einem Fall die Polizei
eingeschaltet werden, da das Maß an körperlicher Gewalt gegenüber den
Secu-Personen nicht mehr zu handhaben war. … Dabei war vonseiten des Plenums
immer klar, dass keine doppelten Standards angelegt werden können.
Sexistisches, homophobes, rassistisches oder antisemitisches Verhalten wird
nicht akzeptiert und kann auch nicht durch Herkunft oder Sozialisation
gerechtfertigt werden.
Immer wieder machen Betreiber_innen des Conne Islands und
anderer Projekte aber auch die Erfahrung, dass unbeteiligtes Publikum zum
Problem werden kann. In vorauseilendem Antirassismus wird Einlasspersonal
zurechtgewiesen, wenn Personen mit Migrationshintergrund des Platzes verwiesen
werden oder es werden kulturalistische Erklärungsmuster zur Verharmlosung
sexistischer Übergriffe angebracht („Woher soll er wissen, dass man hier mit
Frauen so nicht umgeht?“).
Uns zur Problemlage so explizit zu äußern, fällt uns schwer,
da wir nicht in die rassistische Kerbe von AfD und CDU/CSU schlagen wollen. Die
Situation ist jedoch derart angespannt und belastend für viele Betroffene und
auch für die Betreiber_innen des Conne Islands, dass ein verbales Umschiffen
des Sachverhalts nicht mehr zweckdienlich scheint. Wir halten eine
Thematisierung der Problematik innerhalb der Linken für längst überfällig und
wollen dem Rechtspopulismus nicht die Deutungshoheit in dieser Debatte
überlassen. Mehrere Anläufe einer öffentlichen Auseinandersetzung zur Situation
in Kooperation mit anderen Clubs wie dem Institut für Zukunft schlugen fehl, da
es den meisten Veranstalter_innen ähnlich schwer fällt sich zu artikulieren,
ohne dabei in den rassistischen Tenor einzustimmen. …
Fakt ist und bleibt, dass sexistische Übergriffe,
mackerhaftes Auftreten, antisemitisches, rassistisches und anderweitig
diskriminierendes Verhalten im Conne Island nicht geduldet werden und jede
Person, die sich nicht an unsere Regeln hält, des Eiskellers verwiesen wird –
ungeachtet seiner/ihrer Herkunft. Dieser Ort mit seinen Grundsätzen, wie wir
ihn uns in den letzten 25 Jahren erkämpft haben, muss bestehen bleiben – trotz
und gerade wegen der turbulenten gesellschaftlichen Situation, in der wir uns
momentan befinden.“
Was für ein
Großreinemachen im Kopf! Man erkennt das unkontrollierte eingewanderte Gewaltpotenzial, räumt
kulturelle Unterschiede ein (bisher eindeutig ein Rassismus-Kriterium,) lässt sogar
die Polizei (sonst: Schweinebullen) zur Hilfe rufen, kritisiert den Gebrauch
der „Rassismus-Keule“ und anerkennt,
„dass mit dem Tragen eines ‚Refugees-Welcome‘-Beutels eben nicht
automatisch alle Probleme und Konflikte gelöst sind“. Man kritisiert damit (durchaus wertkonservativ), wenn auch ein bisschen
verklausuliert, auch andere linke Gruppen, das Gebot der Stunde nicht
verstanden zu haben, nämlich erreichte Standards nicht aufs Spiel zu setzen.
Und man erklärt, sich nun in die Debatte einschalten zu wollen, was nur gehe,
wenn man auch Probleme benenne. Kein Wunder, dass andere linksradikale Gruppen da
schon aufgeheult haben.
Das Entscheidende ist
aber nicht, dass nun sogar von der Antifa aus welchem Grund auch immer bisher integrationsunwillige
oder –unfähige Migranten zur Ordnung gerufen werden, sondern dass in diesem
Statement die Rückgewinnung von und die Bereitschaft zur Realitätserkenntnis steckt.
Es könnte sich sogar ein Weg aus der fatalen Spaltung der Gesellschaft in
rechts und links weisen. Es hieße dann vielleicht „Realisten gegen
Illusionisten“ oder ganz simpel „Beherrschte gegen Beherrscher“.
Das Bekenntnis zur
Realität wird so ausgerechnet von ganz Linksaußen wieder in den zuletzt fast
ausschließlich ins Virtuelle abgeglittenen politischen Diskurs des linken
Mainstreams eingeführt. Dies mag vielleicht für die Antifa als Ganzes (noch) kein
Modellfall sein, er ist es aber für den Menschen an sich, der anscheinend auch
im Niedergang und der damit einhergehenden Leugnung der Realität weiter in der
Lage sein kann, sich einer schmerzhaften oder unerwünschten Tatsache zu
stellen. Die Botschaft ist also, dass Ideologie endlich ist und die Realität
letztlich unbesiegbar. Wer hätte je geglaubt, dass ich das noch einmal sagen
würde: „Danke Antifa.“
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