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Immerhin musste der die Kampagne auslösende Journalist fünfmal fragen, bevor sich die Parteichefin Frauke Petry auf das dünne Eis wagte. Notfalls müssten gegen Flüchtlinge an der Grenze auch Schusswaffen eingesetzt werden, um die Landesgrenzen zu sichern, sagte sie dann. Später legte AfD-Vizechefin Beatrix von Storch noch nach: Sie fände es grundsätzlich richtig, auch Frauen mit Kindern notfalls mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern. Wer das Halt an der Grenze nicht akzeptiere, sei ein Angreifer. „Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“. So what?
Lebten wir nicht in einer irrigen, nein irren Noch-Republik hätte jeder genickt
und wäre zur Tagesordnung übergegangen. Nicht so die, die durch ihre Politik
dafür gesorgt haben, dass sich solche Fragen überhaupt erst stellen. Mit einem „den
Schießbefehl an deutschen Grenzen haben wir zum Glück vor über 25 Jahren
überwunden“ stieg CDU-Generalsekretär Peter Tauber in die Bütt. Seine infame
Konstruktion, es sei dasselbe, wenn Bürger eines Landes durch ihre eigene
Regierung mit Grenzanlagen und Waffengewalt daran gehindert werden, dieses Land
zu verlassen oder wenn Fremde ungesetzlich in ein weitgehend ungesichertes Land
eindringen wollen, machte sich auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zu
eigen: „Der letzte deutsche Politiker, der auf Flüchtlinge schießen ließ, war
Erich Honecker.“
Drei Grüne wollten da nicht zurückstehen: Volker Beck zog
für sich die Erkenntnis, dass das Zitieren eines deutschen Gesetzestextes
beweise, „Diese Partei ist richtig gefährlich.“ Simone Peter sah bei der AfD
„die letzten moralischen Hüllen fallen“. Und Katrin Göring-Eckardt fand die
Universalformel: Es zeige sich, dass „die AfD eine zutiefst rassistische,
diskriminierende und menschenverachtende Partei“ sei. Für Jan Korte von der
Linkspartei schließlich, den sicher die Verlustangst um etliche Protestwähler
trieb, meinte, die Aussagen legten den Schluss nahe, Frauke Petry würde sich in
Nordkorea sicherlich sehr wohl fühlen. Eines Geistes mit CDU-Tauber und
SPD-Oppermann.
Den Gipfel der Hetzkultur erklomm aber, nicht zum ersten
Mal, SPD-Chef Sigmar Gabriel. Er schaffte es, in einem Satz gleich zwei
wichtige demokratische Errungenschaften außer Kraft zu setzen „Für mich gehört
die AfD in den Verfassungsschutzbericht und nicht ins Fernsehen." Diese
unverhohlene Forderung nach totalitären Praktiken muss man dann doch noch
einmal vor dem geistigen Auge vorbeiziehen lassen: Eine bürgerliche
Organisation, die sich vor dem Gesetz nichts hat zuschulden kommen lassen und
die deutlich erkennbar auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung steht (und
dies weitaus eher als die gegenwärtigen Regierungsmitglieder und die sie
tragenden Parteien) soll wegen unliebsamer Äußerungen offiziell bespitzelt und gleichzeitig
im Wahlkampf massiv behindert werden. Man sieht, dass es kein bloßer Spruch ist,
wenn auf diesem Blog immer wieder die Gefahr einer totalitären Entwicklung
beschworen wird.
Würde die öffentliche Kontrolle und das demokratische
Verständnis der Medien noch funktionieren, wäre genau diese Gabriel-Aussage ein
Grund für heftigste Proteste gewesen. Stattdessen erwägen die viel zu wenigen
sachlich-kritischen Geister in diesem Lande, die AfD dafür zu schelten, dass
sie sich mit ihrem Wort vom Schusswaffengebrauch angreifbar gemacht habe. Doch
dieses System wird auch sonst genug Anlässe zum Ereifern finden, und notfalls
gnadenlos erfinden. Was mich wirklich ängstigt, ist, dass sie damit anscheinend
bei 90% der Bevölkerung prima durchkommen.
Nur noch einmal kurz die Fakten. Ein Bundesgesetz zur
Ausübung öffentlicher Gewalt regelt den Einsatz von Schusswaffen durch
Bundesbeamte an der Grenze unzweifelhaft, auch wenn die Medien es gerne so
darstellten, als sei dieses Gesetz eine peinliche Entgleisung des Kalten Kriegs.
Auch zu anderen Zeiten konnte nicht jeder und erst recht keine Massen in
Deutschland oder anderswo hereinspazieren, wie es ihm beliebte. Eindeutig ist im
Gesetz die Berechtigung der Ausübung „öffentlicher Gewalt auch mit der
Schusswaffe“ niedergelegt, und zwar „wenn jemand beim Grenzübertritt wiederholt
Weisungen missachtet oder flüchtet“. Das Wort „flüchtet“ klingt doch in heutigem
Zusammenhang recht makaber, vor allem wenn es eigentlich sogar bedeutet, dass
Grenzverletzern auch in den Rücken geschossen werden kann.
Vermutlich sogar ungefragt meldete sich dennoch die
Gewerkschaft der Polizei in der Debatte zu Wort und schloss einen
Schusswaffengebrauch bei einer illegalen Einreise aus. „Das ist gesetzlich
nicht gedeckt. Waffen dürfen nur zur Abwehr einer unmittelbaren Gefahr
eingesetzt werden. Die illegale Einreise von Flüchtlingen zählt dazu nicht“,
sagte der GdP-Vizevorsitzende Jörg Radek. Diese Aussage, nicht etwa der Polizeiführung,
sondern eines Polizistengewerkschaftlers, zitierten die Medien dann ohne Scham
als eine Art Gegenbeweis zum von Petry zitierten Gesetzestext. Sowieso stellt
sich die Frage, ob der Grenzschutz im Falle eines immer wahrscheinlicher
werdenden Massenansturms nicht eine Sache der eigentlich für die
Landesverteidigung zuständigen Bundeswehr oder der europäischen Kampftruppen wäre,
die die EU gerade eben für solche Zwecke zusammenstellen will.
Das stört den sicher auch parteiaktiven und
aufstiegswilligen Gewerkschaftler natürlich nicht. Schließlich hat er
festgestellt, dass „noch kein Flüchtling versucht hat, sich den Kontrollen zu
entziehen“. Ja warum auch, wenn ihm die Einreise sowieso gewährt wird? Was ist
aber, wenn sich die politische Strategie ändert, weil selbst Frau Merkel
merkelt, dass die Situation noch mehr eskaliert? Für Radek ist aber klar, die
AfD wolle „mit ihrem radikalen Vorgehen offenbar den Rechtsstaat aushebeln“.
Ein solches Meinungsstatement steht einem Polizisten gar nicht zu, jedenfalls
gehört es nicht in die Medien. Aber in Zeiten der politischen Tollwut gibt es eben
keine Spielregeln mehr.
Deshalb schreiben Zeitungen in ihren Berichten gegen die AfD
auch stimmungsvolle Vokabeln wie „angezettelt“, „rudert zurück“, „inszeniert
sich“, „Zynismus ihres Weltbildes“, „schwadroniert“. Das gehört zwar höchstens
in einen Kommentar, aber solche Diktion durchsetzt inzwischen sämtliche
Berichte der Medien. Deshalb greift der Begriff „Lügenmedien“ längst zu kurz:
Sie sind längst zu Hetzmedien degeneriert. Dies ist übrigens ein
Kommentar, deshalb darf ich mich so deutlich ausdrücken - natürlich nur
solange, bis der Verfassungsschutz bei mir klingelt.
Ein Beispiel für hasserfüllte Berichterstattung kann aber durchaus
auch ein Kommentar sein, wie Christoph Seils vor wenigen Tagen im Cicero
bewiesen hat. Larmoyant bedient Seils dabei alle
moralisch-unsachlichen und verleumderischen Hebel.
Wenn Petry ihre Aussagen dahingehend präzisiert, dass es ja statt des Schusswaffengebrauchs auch
noch andere Möglichkeiten gebe, fasst er das zusammen in der Formulierung, sie
habe von verschiedenen Möglichkeiten beim
Gebrauch der Schusswaffe gesprochen. Wenn Petry erklärt, die „AfD lehnt es
strikt ab, dass auf Menschen geschossen wird, die friedlich Einlass in das
Bundesgebiet begehren“, wird das zitiert, aber nicht zur Kenntnis genommen. Wenn
die AfD, und nicht nur die, sich als Opfer einer Medienkampagne sieht, schreibt
der Schreiberling „Nein, ein Opfer ist Frauke Petry nicht. Wenn sie ihren
Anhängern komplexe und emotionale Sachverhalte erläutert, dann geht es in ihrem
Weltbild immer um die Abwehr von Invasoren, selten um Hilfe für Flüchtlinge,
immer um den Schutz vor einem äußeren Feind und so gut wie nie um die
Menschenwürde. Und auch nicht darum, wie Fluchtursachen bekämpft werden
könnten.“ Er verbindet also Vernunft und Emotion, als könnte die Vernunft durch
Emotion außer Kraft gesetzt werden.
Die Wortführer des Irrsinns bekennen sich also zu ihrem
Irrsinn, nur leider, ohne dies auch so zu benennen. Emotion kann heute nicht
nur die Vernunft und die Meinungsfreiheit außer Kraft setzen, sondern auch
Gesetzestexte. Alles ist möglich, wenn die Herrschenden es nur behaupten. So
gesehen war es dringend an der Zeit, dass jemand das Thema - noch in relativen
Friedenszeiten - angesprochen hat. Zu den vielen Kriegen, die sich ohnehin am
Horizont abzeichnen, ist ein Krieg gegen die bei einer Fortführung der
bisherigen Politik zu erwartenden Flüchtlingsmassen fast unausweichlich. Und
wir wissen ja, wer von Kriegen am meisten profitiert.
Ja, Frauke Petry und ihre AfD waren in der Grenzdebatte ungeschickt.
Ja, es war auch ein Fehler, öffentlich zu mutmaßen, Frau Merkel müsse demnächst
ins südamerikanische Exil gehen. Ja, man hat sich ohne Not in eine Situation
begeben, die eine Steilvorlage für die politischen Gegner war. Es war in der
Tat willkommene Munition für die Spatzenkanonen der Logenpresse, also der
modernen Mediensöldner, die aus von den Herrschenden bezahlten Logen den Pöbel
im Parkett beobachten, missachten und zu steuern trachten.
Aber macht das Petry und ihresgleichen jenseits der
Wahrheiten, die sie ausgesprochen haben, nicht gerade sympathisch? Hier äußern
sich Menschen, die noch selber denken und empfinden und nicht nur ihr Kalkül
bewegen. Die undogmatisch sind. Die nicht durch den Modus eines pervertierten
Politsystems entmenschlicht wurden. Also Menschen, die ganz einfach Fehler machen
(dürfen).
Die Debatte um das Handeln an den Grenzen wird auf uns
zukommen, nur lassen sich die Führer der Blockparteien nicht nur ungern auf
bürgerliche Vernunft ein, sondern auch auf andere, die die Initiative
übernehmen. Immerhin hat sogar die Bundespolizei schon eine Strategie für den
Grenzernstfall. Sie will „Brücken sperren und in einer zweiten oder dritten
Einsatzlinie im Hinterland Flüchtlinge aufgreifen“. Na, dabei viel Vergnügen.
Wie das funktioniert, haben wir unter anderem gerade in Calais beim Sturm auf
die Kanalfähre gesehen (oder dank einseitiger Berichterstattung eben nicht
gesehen). Oder als in Österreich Flüchtlinge gemütlich an aufgeregt winkenden
Polizisten vorbei marschierten. Immerhin plant die Bundespolizei für den
Notfall den Einsatz von Wasserwerfern - möglicherweise auch in der „zweiten
oder dritten Einsatzlinie im Hinterland“. Lächerlich.
Die Realität an den Grenzen stößt also derzeit noch schnell
an die Grenzen des Diskurses. Deutsche Soldaten sollen lieber in Afghanistan
und in vielen anderen Ländern für irgendwelche Prinzipien ihr Leben opfern, nur
an den Grenzen des eigenen Landes sollen sie Blumen werfen und ihren Namen
tanzen. Schuld an der sich zuspitzenden Situation, sind und bleiben jedenfalls
die, die sie durch Nichtstun verursacht haben, und nicht die, die darüber
reden. Don’t kill the messenger.

Übrigens gab es mal vor vielen Jahren einen Fernsehfilm. Dort wurde der Flüchtlingstrek in Spanien aufgehalten, wenn ich mich noch richtig erinnere, und zwar mit hochbewaffnetem Militär. Ich glaube, der Fernsehfilm hieß "Die Festung".
AntwortenLöschenDer Film hieß " Der Marsch ".
AntwortenLöschenhttp://malteherwig.com/Artikel/nicholson.html